Petra Sitta, German Psychoanalytic Society (DPG); IPPF Freiburg
Am 1. April zog eine kleine alte Frau in die Wohnung nebenan . Die Wohnung hatte monatelang leer gestanden, nachdem die Familie Hauser weggezogen war. Einer muss wegziehen, hatte mein analytischer Kollege zu mir gesagt. Eine der Familien muss nach so einer Tragödie wegziehen. Ich erinnerte mich, denn die Tragödie passierte ebenfalls im April vor einem Jahr. Meine Nachbarin wollte zum Einkaufen und hatte keine Lust, ihren fünfjährigen, bewegungsfreudigen Sohn Finn mitzunehmen. Also fragte sie in der Nachbarschaft herum, wer für eine Stunde auf ihn aufpassen könnte. Anemone mit ihren drei Söhnen hatte genug zu tun und wollte an diesem Tag kein weiteres Kind beaufsichtigen. Aber Heike, die mit den neugeborenen Zwillingen und ihrem fünfjährigen Sohn Tom zu Hause war, hatte keine Einwände außer dem Satz " Ich kann Tom und Finn aber nicht draußen beaufsichtigen ". " Wir sind doch schon groß! " krähten die beiden besten Freunde voller Stolz. " Wir gehen zum Schlittenhang rodeln !". Es hatte mitten im April überraschenderweise noch einmal geschneit. Ein dicker, nasser, schwerer Schnee, der die Kinderherzen höher schlagen ließ und bei den Erwachsenen eher Genervtheit angesichts matschiger Straßen und schlechter Sicht auslöste. Der Schlittenhang lag geschützt hinter dem Spielplatz in unserem kleinen Dorf und die Kinder spielten dort oft ohne Beaufsichtigung, denn hier kannte jeder jeden und man kümmerte sich umeinander. Dort passierte das Unglück, was hinterher niemand so recht verstehen konnte. Finn und Tom fuhren Schlitten und begannen dann einen Schneemann zu bauen. Wie genau es passierte, blieb unklar. Finn bemerkte nach einiger Zeit, dass Tom auf der Wiese lag. Erst dachte er, Tom ruhe sich aus, aber nach einer Weile ging er runter zu ihm hin. Tom lag unter einer großen Schneekugel und hatte Mühe, zu atmen. Finns Versuche, ihn vom Schnee zu befreien, scheiterten. Also entschloss er sich, Hilfe zu holen. Aber bis ihn seine Beine den Berg hinauf trugen und er Toms Mutter erreichte, verging eine Zeit. Zu lange, um Tom noch zu retten. Eva und die herbeigerufenen Notärzte versuchten alles, um ihn zu reanimieren, aber das Gewicht des Schnees hatte seine Lunge so zerdrückt, dass er am Erbrochenen erstickt war. Was für eine Tragödie, ein völlig sinnloses, unerwartetes Unglück, mit dem niemand gerechnet hatte. Wie konnte so etwas passieren? Die Wucht der Schuldfrage waberte durch das Dorf und machte vor niemandem halt. On April 1st, a short, elderly woman moved into the apartment next door . It had stood empty for months, ever since the Hauser family had left. One of them has to go, my analytical colleague had once remarked to me. After a tragedy like that, one of the families must leave. I remembered it well, for the tragedy had taken place in April too— just a year earlier.
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