our life together, you mean to keep me out of this—when it concerns us both?” Her voice rose almost to a scream. His guilty eyes were heavy with sorrow and pain, yet filled, too, with tenderness. “I’m so sorry. I should have told you long ago. But I thought like a child—as if, by keeping it from you, it wouldn’t be real. I wanted to go on enjoying our beautiful life with you, and not believe that I was truly ill.” She rose abruptly and snatched the letter from his hands. An oncology letter. She knew it before she even read the word. Her worst fears had taken form. How much they had savored life in recent years—carefree, full of travels, finally with time for themselves and all the beautiful things they had once postponed. As long as we stay healthy, they had told each other again and again, as if the mantra could ward off evil spirits. As a child she had rolled her eyes in annoyance when the old aunts wished her above all else “good health” on her birthday. The older she grew, the more she had come to see how precious that wish was. Something she had once taken for granted now stood before her, fragile and slipping away. Now it has come, raced through her mind—the dreaded moment. And yet, absurdly, alongside the terror, another thought intruded: that postcard they once joked about— “If one of us dies, I’ll move to Sylt.” Why, of all things, should that come to her now? Zuerst dachte ich, es sei alles ein Missverständnis. Als mich der Brief von der Adoptionsstelle erreichte, dachte ich es sei eine Werbung oder ein falsch adressierter Brief. Ich hatte große Mühe, zu begreifen, dass wirklich ich gemeint war. Wieder und wieder musste ich den Brief lesen. „ Sehr geehrte Frau Misma, wir freuen uns Ihnen mitzuteilen, dass ihre Zwillingsschwester uns beauftragt hat, Sie zu finden. Frau Goldberg lebt in Los Angeles Kalifornien und würde sich freuen Sie persönlich kennenzulernen. Wie wäre recherchieren konnten, wurden sie beide nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Die Familie von Frau Goldberg ist 1944 nach Amerika ausgewandert, während Sie von einer deutschen Familie adoptiert wurden “. Ich schloss für einen Moment die Augen, um dann erneut auf die beigefügten Fotos meiner Zwillingsschwester zu starren. Das bin ich nur in anders, dachte sie fassungslos. Der Haarschnitt war meinem ähnlich, nur ein klein wenig gestufter und vorne mit einem kecken kurzen Pony versehen. Das sollte ich auch mal probieren, dachte sie bei sich. Aber das Gesicht, der Mund, die Nase und die Augen sagen genauso aus wie ich selbst. Das ist wie in einem Film, wahrscheinlich die versteckte Kamera und gleich folgt die Auflösung und der Moderator kommt um die Ecke. Sicher ist es dank KI heute völlig unproblematisch möglich, Fotos von mir zu variieren und mich glauben zu lassen, es sei meine Zwillingsschwester. Es war zu absurd, um das glauben zu können. Gleichzeitig - und da zögerte sie kurz - hatte sie nicht schon als Kind oft die Fantasie gehabt, nicht zu dieser Familie zu gehören? Alle waren brünett und sie hatte blonde Locken. Die blonden Locken von Oma Erna hatten ihre Eltern abgewiegelt. Aber dennoch, von ihrem Vater
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