Ich habe ihn dann beobachtet von meinem Platz aus, neugierig, ob sich eine weitere Person zu ihm gesellen würde. Er begann, die Eclairs und Bestecke sorgfältig zu arrangieren, für eine offensichtlich eingespielte Reihenfolge, in der er ein Kuchenstück nach dem anderen verspeist, sehr langsam, mit Messer und Gabel zerteilend, einschiebend, kauend, eine Serviette im Hemdkragen, nach und nach das halbe Gesicht sich mit Sahne und Teig verschmierend, lächelnd hingegeben an seinen kleinen Exzess. Ich habe mich auch heute geschämt, ihm zusehen zu müssen, Zeugin zu sein bei seiner Lust, kurz davor, an einen anderen Tisch zu gehen. Dann kam sein Besucher doch noch. Nun liegt er da mit Sahne um den Mund, ich gehe schnell, bevor der Notarzt kommt, ich höre die Sirene schon. Petra Sitta, German Psychoanalytic Society (DPG); IPPF Freiburg Alle kamen rasch herbeigeeilt, als sich die Kunde vom gekenterten Boot auf den Dörfern verbreitete. Ein Boot oder besser eine Nussschale voller Flüchtlinge. Ein geretteter Mann aus Somalia, der einige Brocken Englisch sprach, hatte gesagt, es seien 324 Flüchtlinge an Bord gewesen, darunter über 100 Frauen und Kinder. Sie war bis ins Mark erschüttert und versuchte, die Lähmung abzuschütteln. Ich bin die Bürgermeisterin und ich muss die Hilfe koordinieren, schoss es ihr in den Sinn. Ich bin sehr gut darin, Dinge zu organisieren, einen kühlen Kopf zu bewahren, wenn andere kopflos und aufgeregt sind. Das hatte sie schon als Kind getan, wenn sie sich um ihre Geschwister kümmern musste. „ Sergio ruf die Küstenwache an !“ rief sie ihrem Sekretär zu. „ Sag ihnen, dass wir 324 Menschen im Wasser haben ! Carlos, wie viele Boote könnt ihr rausschicken? Fahrt bitte immer in 2er Teams und achtet darauf, dass ihr nicht von zu vielen Menschen gleichzeitig erreicht werdet, damit ihr nicht kentert. Werft ihnen zuerst Schwimmwesten ins Wasser! Filippo, fahre mit dem Megafon mit und beruhige die Menschen! Wenn sie in Panik ausbrechen, wird es auch für euch lebensgefährlich! Maria und Carla, organisiert Schwimmwesten, Decken und Wasser, damit wir die Geretteten versorgen können! Sergio und ich koordinieren alles und sind jederzeit mobil zu erreichen. Alle, die helfen können, sollen sich bei Sergio melden !“ Sie musste kurz innehalten. Bestimmt hatte sie das Wichtigste vergessen. Einige wenige Afrikaner saßen erschöpft am Ufer. Sie waren völlig entkräftet und manche von ihnen beteten, weil sie das rettende Ufer erreicht hatten. An dieser Stelle vom Meer gab es unangenehme Strömungen und scharfkantige Klippen. Es war schwer, ins und aus dem Wasser zu kommen. Die Schnittwunden müssen versorgt werden. Sie rief Theresa der Ärztin zu, ob sie ein Team zur Erstversorgung der Geretteten aufstellen könne. So eine Katastrophe hatten sie hier auf ihrer beschaulichen kleinen Insel noch nie erlebt. Erste Leichen wurden ans Ufer geschwemmt. Oh Gott, so viele Kinder! Das ertrage ich nicht! Sie musste sich zusammenreißen, wusste aber schon jetzt, dass sie diese Bilder so schnell nicht würde vergessen können. Und die Seenotrettung ist von der EU eingestellt worden, sodass im schlimmsten Fall immer öfter Boote stranden würden, dachte sie und ballte vor Wut die Fäuste. Sie hatte
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