Writing Workshop at Lisbon Congress

Ricarda liefen erneut Tränen über das Gesicht. Dann griff sie zögernd zu einer Packung noch ungeöffneten Schwarzbrotes und dem Salzfaß auf der Anrichte. „Hm. O.k. Was meinst Du? Gehen wir mal ’rüber?“

Christiane H. Schleidt, Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie Munich Am ersten April zog eine kleine alte Frau in die Wohnung neben an. Als ich morgens erwachte und noch verschlafen im Bett lag, hörte ich in der Wohnung neben mir Geräusche, die mir unbekannt waren. Eigentlich war diese Wohnung unbewohnt und ich war verwirrt über die Laute, die da zu mir drangen. Zuerst dachte ich, ich würde träumen. Ich träumte, dass eine Hexe auf einem Besen am Fenster vorbeiflog. Aber dann sah ich, dass es Vögel waren. Wahrscheinlich bin ich kurz wieder eingeschlafen. Als ich wieder erwachte, hörte ich ein rhythmisches Klopfen. Waren das Morse-Signale? Was war die Botschaft? War es ein Aprilscherz? Klopfte da jemand mit einem Besenstil gegen die Decke? Jetzt war es wieder still. Ich begann zu überlegen, warum die Wohnung neben uns schon seit so vielen Jahren unbewohnt war. Ich selbst wohnte erst seit drei Jahren hier in diesem Haus und es hieß immer, die Besitzer können sich nicht einigen und deshalb würde die Wohnung nicht vermietet. Eigentlich hatte ich immer schon den Verdacht, dass die Wohnung in Wirklichkeit bewohnt war, denn ein Fenster stand ab der Dämmerung meist offen und morgens waren dann sogar die Fensterläden verschlossen. Aber es war dann doch nie so wichtig gewesen, als dass ich mit jemandem im Haus darüber geredet hätte. Und irgendwie beruhigte es mich immer, dass es so eine Art Geheimnis neben uns gab. Jetzt war die Beruhigung vorbei und leise Angst kroch durch mich. Ich dachte daran, dass ich beim Renovieren unserer Wohnung unter einer Türschwelle ein Foto entdeckt hatte, auf dem eine kleine alte Frau zu sehen war, die neben einem uniformierten Mann mit Spitzkappe aus dem ersten Weltkrieg zu sehen war. Die Frau hatte gelächelt und man sah einen Leiterwagen mit allen möglichen Dingen, der neben ihr stand. Und der Mann sah eigentlich auch freundlich aus. Das Foto liegt immer noch unter der Türschwelle zum Eckzimmer. Jetzt überlegte ich, ob da nicht ein Besen auf dem Leiterwagen gewesen ist. Bianca Isabella Christine Tiator, German Psychoanalytical Association; Mainz Psychoanalytical Institute AM 1. APRIL ZOG EINE KLEINE ALTE FRAU IN DIE WOHNUNG NEBEN AN. Ich sah sie durch mein Fenster. Sie kam ganz allein. Ich war beeindruckt, weil sie nur eine Reisetasche bei sich trug. Es war eine Tasche in alt-rosa mit einem goldenen Band. Wie konnte es sein, dass diese zierliche alte Dame so ganz ohne Begleitung, ganz ohne Hilfe in eine Wohnung einzog? Wie konnte es sein, dass sie ohne jegliche Möbel einzog? Ich wartete den ganzen Tag, konnte mich kaum vom Fenster lösen, da mich diese Frage so sehr quälte. Diese kleine Dame mit dem sympathischen, ja fast verschmitzten Lächeln und diesen

25

Made with FlippingBook Annual report maker