strahlenden Augen, die einmal kurz, ganz kurz, in meine Richtung blitzten – dieser Moment war nicht länger als eine Sekunde. Er hätte gut ganz unbemerkt bleiben können, so kurz war er. Nur ein klitzekleiner Hauch von Augenkontakt war es, doch mir kam es vor, als habe dies kleine alte fremde Frau für einen Millisekundenbruchteil tief in mein Innerstes hineingesehen. Ich hatte mich erschrocken. Was hatte sie dort gesehen? Mir war, als habe sie kurz gelächelt. Nein, nicht mit dem Mund, obgleich sie einen zauberhaften rosigen Mund hatte! – Nein, es waren ihre Augen. Ihre Augen hatten in meine hinein gelächelt. Julia Gerlach, DPG/German Psychoanalytic Society Am 1. April zog eine kleine alte Frau in die Wohnung nebenan. Zuerst dachte ich, das ist ein Aprilscherz. Mir war ein junger Italiener versprochen worden, attraktiv, charmant und lebensfroh. Und jetzt das. Ich sah aus dem Fenster und beobachtete, wie sie dem Umzugswagen hinterherschaute. Einen Moment stand sie ganz still da, dann drehte sie sich um und sah nach oben, direkt zu meinem Fenster. Erschrocken wich ich ein Stück zurück, schritt aber gleich wieder nach vorne und hob zögerlich die Hand zu einem kleinen Winken. Sie verzog keine Miene, ihre dunklen Augenbrauen waren zusammengezogen, kritisch prüfend starrte sie mich an. Dann bückte sie sich, nahm den großen Korb der neben ihr auf dem Gehsteig stand, randvoll gefüllt mit roten. Äpfeln, und machte sich , leicht gebeugt, auf den Weg ins Haus. Von oben blickte ich auf ihren streng gezogenen grauen Scheitel und die im Nacken zusammengebundenen grauen Haare. „Eine Hexe!“ dachte ich erschrocken und lauschte auf die langsamen Schritte, die von der Stiege her zu hören waren. Das alte Holz knarrte vernehmlich. Wie magisch angezogen, bewegte ich mich durch den Flur zur Wohnungstür. Zögerlich drückte ich die Klinke herunter, öffnete und sah ins Treppenhaus. Ein Sonnenstrahl hatte sich durch den Hinterhof ins Stiegenhaus geschlichen. Die alte Frau bog gerade um die gewundene Treppe und ich lief ein paar Stufen hinunter, um ihr den schweren Korb abzunehmen. Warum tue ich das, fragte eine leise Stimme in mir. Mein Herz klopfte aufgeregt. Etwas zog mich in ihren Bann. Wieder trafen sich unsere Blicke, sie gab mir den Korb und wir erstiegen die wenigen Stufen bis zu unseren Wohnungen gemeinsam. Dort angekommen, gab ich ihr den Korb zurück. „Nana“ Was meinte sie? „So heiße ich.“
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