Writing Workshop at Lisbon Congress

runter ging, sie fühlte ich dann besser und ihren Kollegen überlegen, wenn diese vor dem Aufzug standen. SIE scheute die körperliche Anstrengung nicht. Sie machte die Tür zum Treppenhaus sehr langsam auf um noch mehr Zeit zu haben, den Schreibtisch zu inspizieren. Der Zettel war gefaltet und wirkte als habe man ihn aus einer Tasche gekramt und sei er eher unbeabsichtigt auf dem Tisch gelandet. Die Kollegin guckte auf ihren Bildschirm und schien den Zettel nicht zu bemerken oder hatte ihn vielleicht vergessen. Sie achtete darauf, dass sie beim Beobachten nicht von ihr entdeckt wurde, da sie bisher außer einem sich freundlich Zunicken keinen Kontakt hatten. In dem Moment blickte die Kollegin hoch und sagte „Mahlzeit“. Wieder so eine, dachte sie, sie konnte es nicht leiden, wenn jemand Mahlzeit sagte. Sie sagte Guten Tag und betrat das Treppenhaus. Roland Zag IHRE AUFMERKSAMKEIT WURDE AUF EIN STÜCK PAPIER AUF DEM SCHREIBTISCH GELENKT Monika meinte auf der Skizze des Gartenbauarchitekten, mit dem sie den Umbau ihres Elternhauses diskutierte, die unverwechselbare künstlerische Handschrift ihres Großvaters zu erkennen, dem im Krieg verschollenen Hans Albrecht, einem begabten Amateurmaler, der als Wehrmachtssoldat in den besetzten Gebieten Afrikas Beduinen in Kohle gezeichnet hatte. Hans Albrechts Skizzenblock waren auf Umwegen zurück nach Deutschland gelangt, er selbst leider nicht. Sie hatte versucht, diese ihr bemerkenswert erscheinenden Bilder, ausdrucksstarke, in tiefen Schwarztönen gehaltene Skizzen auf übel verunstalteten Papierrollen, die mal um Kabeltrommeln gewickelt gewesen sein mögen, von ausgemergelten Gesichtern afrikanischer Berber zu veröffentlichen, aber es hatte sich niemand für sie interessiert. Auch nicht für die Story ihres Großvaters, der versucht hatte, den Menschen, die die deutsche Armee brutal zu vernichten, eine Identität zu geben. Auch diese ihr bemerkenswert scheinende Biografie stieß heute auf Desinteresse, und ihre Masterarbeit in Kunstgeschichte über das Werk ihres Großvaters wurde abgelehnt. Dieselben tiefschwarzen Kreidespuren, einzigartig charakteristische Schraffuren und Lasuren meinte sie nun in dem Skizzenblock des Gartenbauarchitekten zu entdecken. War das eine Wahnidee, begann sie zu halluzinieren, wurde die Sorge um das Schicksal dieses Hans Albrecht, den sie nie gekannt hatte, zum Schicksal? Nun gut, völlig unwahrscheinlich kam es ihr in dem Augenblick nicht vor, dass Julien, der Architekt, mit den Hinterlassenschaften ihres Großvaters in Kontakt gekommen war. Schließlich war er ein Cousin zweiten Grades. Trotzdem kam es ihr in diesem Augenblick wie ein kleines Wunder vor, eine Öffnung in ein Gelingen, das gerade noch so unerreichbar schien. Wenn Julien eine der Skizzen Hans Albrechts besaß und sie ihm so lieb war, dass er sie mit sich trug – war er dann womöglich ähnlich fasziniert von ihnen wie sie? Wäre eine Zusammenarbeit beider nicht erfolgversprechend, bei den unzähligen zahlungskräftigen und einflussreichen Arbeitgebern, für die er seine raffinierten Gartenanlagen schuf?

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