Christiane H. Schleidt, Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie Munich Zuerst dachte ich, es sei alles ein Missverständnis. Erst Jahrzehnte später hatte ich mich dazu entschlossen, alle Unterlagen noch einmal zu lesen und alle Fotographien sorgfältig zu betrachten. Eigentlich war es zu spät. Ich war über 80 Jahre und fast alle von damals lebten nicht mehr. Wem könnte ich meine Geschichte erzählen, wenn es niemanden mehr gab, der sich erinnern konnte. War ich wirklich der letzte Zeuge. Damals, als ich dachte, dass alles ein Missverständnis ist, war ich ein Teenager und sah noch so neugierig und wagemutig in die Zukunft. Alles lag noch vor mir. Jetzt lag alles hinter mir. War es wichtig zurückzusehen, sollte ich nicht lieber, jetzt wo das Leben so kostbar geworden war, sollte ich da nicht im Hier und Jetzt sein. War es sinnvoll Missverständnisse zu analysieren und aufzudecken. Es ist wie es ist. Es ist, wie es war. Das Missverständnis gehört dazu. Ohne das Missverständnis wäre mein ganzes Leben ein anderes. Sollte ich mein Leben jetzt mit über 80 noch einmal neu erfinden. Es war doch mein Leben. Aber dann wollte ich es doch jemandem erzählen. Und wie der Zufall es wollte, rempelte mich beim Einkaufen ein junger Mann derart ungeschickt an, dass meine Tüte mit Zitronen auf den Boden fiel. Und als die Zitronen so über den Boden rollten war alles sehr klar vor meinem Auge. So war es gewesen. So muss es gewesen sein. Bianca Isabella Christine Tiator, German Psychoanalytical Association; Mainz Psychoanalytical Institute ZUERST DACHTE ICH, ES SEI ALLES EIN MISSVERSTÄNDNIS. Sie schrieb nicht mehr. Nach all den Jahren unserer Brieffreundschaft. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mir ernsthaft Sorgen machte. Vielleicht waren es sogar 2 Jahre, in denen ich mich vielleicht unbewusst an dem Vertrauen an unsere tiefe Verbindung festklammerte. Sicher fand sie gerade keine Zeit, war sie in einer anstrengenden und fordernden Situation und konnte mir deshalb nicht auf meine Briefe antworten, die ich nach wie vor an sie schrieb. Sie war mir wichtig. Wir waren uns durch die vielen gegenseitigen Besuche so nah… wie Schwestern… ja fast wie Zwillinge. Ohne, dass ich wüsste, wie es sich anfühlt, ein Zwilling zu sein. Aber wir hatten so viel miteinander geteilt, uns so viel von unseren Mädchen- Teenagersorgen anvertraut, so viele gemeinsam gehütete Geheimnisse. Es dauerte lange, bis sich der Zweifel seinen Weg aus der Tiefe an die Oberfläche meines Bewusstseins bohrte. Es war doch alles in Ordnung zwischen uns? Oder ist etwas vorgefallen? Krampfhaft versuchte ich mich an unsere letzte Begegnung zu erinnern, als ich sie in Caen besuchte an Silvester vor 2 Jahren… Hatte ich etwas Falsches gesagt? Nahm sie mir irgendetwas übel? Sollte ich sie in einem weiteren Brief danach fragen? Aber… was, wenn ich fürchterlich irrte? Wenn sie schrieb: „Hey nein! Ist doch alles okay! Wie kommst Du denn auf so einen Unsinn? Vertraust Du nicht mehr in unsere Freundschaft?“ Scham. Das war es, vor dem ich mich fürchtete. Beschämt zu sein, bloßgestellt mit meinen paranoiden Gedanken, sie könnte sich von mir abgewendet
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