AUS DEM LEBEN
Antihelden in der Sauna
Am Männerwochenende im Ländli wird deutlich: Frieden beginnt oft dort, wo Menschen ehrlich werden. Zwischen Bibel, Gesprächen und sogar in der Sauna entsteht Raum für Themen, über die Männer sonst selten sprechen – und für die Erfahrung, dass Frieden nicht von per fekten Umständen abhängt. Als Referent am Männerwochenende im Ländli durfte ich mit rund hun dert Männern über die Geschichte vom verlorenen Sohn aus Lukas 15 nachdenken. Viele Väter und Söhne waren tief berührt. Denn Spannun gen in unseren Familien kennen wir alle – aber über das, was dahinter
Michi Dufner, Leiter Kommunikation, Sensibilisierung und Mobilisierung
liegt, sprechen wir selten: das Gefühl, allein zu sein, alles selbst stemmen zu müssen und die Ten denz, den inneren Schmerz mit Dingen zu kompensieren, die uns eher schaden als heilen.
Anders an diesem Wochenende: Da erzählte mir ein Vater, wie sein 16-jähriger Sohn heimlich das Familienauto ausführte und der Polizei frech zuwinkte – und wie er als Vater darauf reagierte. Ein anderer Mann vertraute mir unter Tränen an, dass er vor Kurzem seine Kündigung erhalten hat und nun mit fast sechzig Jahren Angst hat, keine neue Stelle mehr zu finden. Wieder ein ande rer sprach davon, dass er seit Jahren keinen Sex mehr mit seiner Frau hat und wie er versucht, sich irgendwie auf diesem Hochseilakt zu beweisen, so dass es ja nicht zur Scheidung kommt. Es sind Geschichten mit tiefen Sehnsüchten! Eine hört man stets gut heraus, es ist die Sehnsucht nach Frieden, nach Ruhe und danach, dass es einfach gut «läuft». Doch was schafft diesen Frie den, ist er realistisch? Müssen wir eher lernen, die Umstände anzunehmen statt sie wegzubeten, sie wegzudiskutieren oder sogar zu ignorieren? Einer der Männer sagte es mir sehr treffend, als wir gemeinsam in der Sauna sassen: «Michi, weisst du, wieso mir dieses Wochenende so guttut? Wir erzählen uns keine Heldengeschichten, wo wir glänzten, sondern wir erzählen uns unsere ‹Anti-Heldengeschichten› und das befreit, weil es zeigt, dass es allen so geht.» Und genau dort können wir lernen, in den Umständen Frieden zu stiften. Wow!
Später habe ich diese Aussage in der Geschichte vom Verlorenen Sohn aufgegriffen und so erläutert: «Wir dürfen verlorene Söhne sein – nur so erkennen wir die Liebe, die Annah me und die Bereitschaft des Vaters, seinem Sohn entgegenzurennen, als Geschenk, das wir uns NIE verdienen könnten.» Frie
den ist demnach ein Geschenk, das darauf wartet, entgegen genommen zu werden . . .
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