Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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ermöglichten es, mit dem Patienten zu einem Neuanfang aufzubrechen und zuvor unerforschte Wachstums- und Veränderungspotentiale zu erschließen. Die amerikanische Interpersonale Schule und die später entstandene Relationale Schule entwickelten eine mit Ferenczis Entdeckungen übereinstimmende klinische Perspektive, in deren Zentrum die vorbehaltlose Anerkennung des Analytikers als Teilnehmer am klinischen Prozess steht, der mit dem Patienten eine analytische Erfahrung als spezifische Begegnung zweier Subjektivitäten, ihres bewussten und unbewussten Erlebens, ko-kreiert. Diese Schulen betonen, dass Übertragung und Gegenübertragung unweigerlich komplementär sind und jede die andere in einer unendlichen Möbius-Schleife wechselseitiger Beeinflussungen und Transformationen hervorbringt, die in der psychoanalytischen Beziehung beobachtet und erforscht werden können. Weil der Analytiker ein teilnehmender Beobachter ist, werden der Einfluss, der von seiner realen Persönlichkeit ausgeht, und seine idiosynkratische Art, zu sein und dem Patienten zu begegnen, zu bedeutsamen Dimensionen der analytischen Erfahrung, die unter dem intersubjektiven Blickwinkel zentralen Stellenwert erhalten. Auch diese Überlegungen wurden von Ferenczi antizipiert, der die Zentralität der Gegenübertragung als prägendes Pendant der Übertragung bereits erkannt hatte. Er identifizierte die Rolle der wechselseitigen Beeinflussung in der analytischen Beziehung und die entscheidende Bedeutung der Fähigkeit des Analytikers, seinem eigenen Einfluss auf den Patienten Rechnung zu tragen – ein Faktor, der maßgeblich dazu beiträgt, die unvermeidlichen iatrogenen Risiken einer Retraumatisierung einzudämmen. Ferenczi betonte die Implikationen, die die Anerkennung des Analytikers als reale Person für die analytische Behandlung mit sich bringt (Überlegungen, die später in der britischen Schule von Fairbairn, Guntrip und Balint sowie in der amerikanischen Schule von Thompson, Wolstein, Singer, Levenson und vielen anderen mehr aufgegriffen wurden). Ferenczi (1999) nahm wahr, dass seine Patienten die kleinsten Nuancen im Verhalten des Analytikers registrierten und darauf reagierten. So schrieb er 1932 in seinem klinischen Tagebuch: „[Der Patient] spürt aus kleinen Zeichen (Art des Grußes, Händedruck, der Stimme, der Lebhaftigkeit usw.) das Vorhandensein von Affekten“ (S. 51), die ihm über den Analytiker womöglich mehr sagen, als diesem selbst bewusst ist. Ferenczis Beobachtungen ließen die Metapher der leeren Leinwand vielen Analytikern obsolet erscheinen. Sie erhielten in den 1950er Jahren und später, als die Intersubjektivität immer stärker in den Mittelpunkt der Theorie rückte, zentrale Bedeutung für die Perspektive zahlreicher interpersonaler Psychoanalytiker und schließlich auch der relationalen Theoretiker. Freud (1912) beschrieb das Unbewusste des Analytikers mit folgenden Worten: „[…] so soll sich der Arzt in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der Deutung, der Erkennung des verborgenen Unbewussten zu verwerten, ohne die vom Kranken aufgegebene Auswahl durch eine eigene Zensur zu ersetzen, in

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