Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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zugleich erwartete, daß diese Erweiterung seines Gesichtsfeldes wiederum für seine klinische Arbeit fruchtbar werden könnte“ (S. 123). Seine Schriften wurden mitunter missverstanden und als „nicht genügend psychoanalytisch“ abgetan. Zur Zeit erfährt sein Werk eine neuerliche Würdigung in Verbindung mit den psychoanalytischen Interessen des 21. Jahrhunderts, die dem Einfluss der Kultur in hohem Maße Rechnung tragen. Eriksons Überlegungen zu den inneren psychischen Schwankungen im Laufe der Identitätsentwicklung sind für das heutige psychoanalytische Denken weiterhin relevant. Wenngleich die Konzepte der primären und sekundären Autonomie später weitgehend ignoriert wurden, haben sie weitere Untersuchungen über die während der gesamten Entwicklung stattfindenden Interaktionen zwischen konstitutionellen und Umweltfaktoren angestoßen. Direkt oder indirekt stimulierte die Ich-Psychologie die kinderanalytische Forschung und die Beobachtungsstudien von Winnicott (1953), Spitz (1965), Jacobson (1958, 1964) und Mahler (Mahler, Pine und Bergman 1975) und wurde ihrerseits durch deren Untersuchungen bereichert. Das Ergebnis war ein vertieftes Verständnis des präödipalen Bereichs. Eriksons und Rapaports Formulierungen sowie Hartmanns Konzepte der Energieumwandlung und des Funktionswandels regten weitere Studien über Entwicklungstransformationen im gesamten Lebensverlauf an und reaktivierten indirekt auch das Interesse am Trauma, das von den Ich-Psychologen zuvor vernachlässigt worden war (Blum 1987). Die Entwicklungsveränderungen, die mit der sekundären Autonomie einhergehen, entsprechen der Umwandlung von traumatischer Angst in Signalangst (Blum 1998). Verglichen mit der relativen Hegemonie der Ich-Psychologie in der so genannten „Hartmann-Ära“ nach dem Zweiten Weltkrieg rückte die Ich-Psychologie in den 1970er Jahren an den Rand (Bergmann 2000). Nach Hartmanns Tod trat die Objektbeziehungstheorie in den Vordergrund, und das Zeitalter des theoretischen Pluralismus nahm seinen Anfang (Blum 1998). Das soziale Ferment in den Vereinigten Staaten jener Zeit, die philosophische Infragestellung von „Autorität“ in der postmodernen Ära und die feministische Kritik an den der Ich-Psychologie inhärenten Geschlechts- und Genderannahmen trugen ebenfalls zur Kritik an der Hegemonie der Ich-Psychologie bei (Balsam 2012). Einige der komplexen strittigen Themen, die mit dieser Veränderung einhergingen, betrafen: 1. Die Übergewichtung des Ödipuskomplexes als Prokrustesbett (Blum, 2010; Balsam, 2015); 2. Es hat nie eine klar vereinbarte, auf ich-psychologischen Prinzipien beruhende Behandlungsmethode gegeben. Der für die Ich-Psychologie so bedeutsame Zugang zur Widerstandsanalyse gestaltete sich in der Praxis häufig als Konfrontation der Abwehr statt als Abwehranalyse (Busch 1999).

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