Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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eine Formel gefasst: Er soll dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen, wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewusste des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten dies Unbewusste, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen” (S. 381). Das heißt, dem Analytiker dient sein Unbewusstes als hochsensibles Hörgerät, das dem Gebot der Neutralität und Anonymität gehorcht und die Funktion einer leeren Leinwand erfüllt. Das bedeutet, dass der Analytiker sich diszipliniert zu verhalten hat, um die Entwicklung der Übertragung nicht zu gefährden. Unter dem relational- intersubjektiven Blickwinkel betrachtet, scheint Freud in seine Telefonmetapher nachgerade eine Stummstelltaste eingebaut zu haben. So gesehen, war seine Theorie keineswegs intersubjektiv. Der Analytiker benutzt zwar sein Unbewusstes als Instrument zum Hören, doch dem Unbewussten des Patienten wird die gleiche Fähigkeit nicht zugestanden. Freud kam dem wechselseitigen Zuhören näher, als er 1915 in „Das Unbewußte“ schrieb: „Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren kann” (S. 293). Indes blieb dieser Punkt in seinem gesamten Werk theoretisch untergewichtet. Ferenczi hatte von Begegnungen mit seinen Patienten berichtet, die Veränderungen in ihm bewirkten und ihn bewogen, den Horizont des psychoanalytischen Verstehens zu erweitern und als Erster überhaupt bipersonale und wechselseitige, also intersubjektive Dimensionen psychischer Erfahrung und Veränderung ernst zu nehmen. So schrieb er: „Begegnen sich zwei Menschen […] zum ersten Mal, so kommt es zu einem Austausch nicht nur bewusster, sondern auch unbewusster Regungen“ (Ferenczi 1999, S. 133), zu einem Dialog „der beiderseitigen Unbewussten“ (ebd.). Mit dieser Formulierung bezeichnete er den unbewussten Austausch, der zwischen Patient und Analytiker immerzu, und zwar in beide Richtungen, stattfindet. Diese Dimension von Ferenczis Arbeit traf in den USA auf besonders fruchtbaren Boden. Auf relationale Konzepte und ihre Anwendungen stützen sich behandlungstechnische Optionen, die teils um eine Theorie organisiert sind, die den intersubjektiven Prozess als einen Dialog „der beiderseitigen Unbewussten“ betonen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit des Analytikers auf die Auswirkungen und Widerspiegelungen seiner eigenen Teilhabe wie auch der des Patienten gelenkt. Diese Haltung des Zuhörens ist für relationale Analytiker, die die Intersubjektivität und ihre Anwendungen in der analytischen Begegnung ins Zentrum rücken, paradigmatisch.

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