Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III. Abb. Intersubjektivität und Feldtheorie im relationalen Denken und in der klinischen Arbeit Die für die Intersubjektivität relevanten Feldtheorien wurzeln in der interpersonalen Theorie der Psychiatrie, die Mitte des 20. Jahrhunderts von Harry Stack Sullivan formuliert wurde, in der sozialpsychologischen Feldtheorie Kurt Lewins und in Merleau-Pontys Konzeptualisierungen, aus denen die lateinamerikanischen psychoanalytischen Feldtheorien Madeleine und Willy Barangers (2008), Enrique Pichon Rivieres (2017) und José Blegers (1967) hervorgingen. In den Vereinigten Staaten tauchte das Konzept des Feldes in der interpersonalen Theorie erstmals in den Schriften von Harry Stack Sullivan, Erich Fromm, Frieda Fromm-Reichmann und Clara Thompson auf. Sullivans Werk erwies sich als wichtigster theoretischer Einfluss. Er betrachtete das Feld als die Arena der von ihm so genannten „interpersonalen Beziehungen“. Diese interpersonalen Beziehungen bildeten den Kern seines gesamten Denksystems und der Art und Weise, wie er den Unterschied zwischen seinem Denken und der zeitgenössischen Psychoanalyse verstand. Seither wurde das Feldkonzept von zahlreichen interpersonalen und relationalen Autoren weiterentwickelt, z.B. von Stephen Mitchell (1988), der sich mit der relationalen Matrix auseinandersetzte. Auch andere psychoanalytische Theorien, z.B. jene Bions und seiner Schüler, betten ihre Konzepte der Psyche und der Affekte in einen relationalen Kontext ein. „Knowing“ (K) geht immer aus einer interpersonalen affektiven und kognitiven Matrix hervor (xKy). Die Intersubjektivität ist darüber hinaus auch den Arbeiten politischer Theoretiker wie Louis Althusser oder Theodor W. Adorno sowie postmodernen Gelehrten wie Slavoj Žižek und Christopher Butler inhärent. Als sehr breit definierte Feldtheorien konzentrieren sich die interpersonale und die relationale Psychoanalyse auf das Feldkonzept . Mehrheitlich implizieren interpersonale und relationale Schriften, dass die analytische Situation durch die Bezogenheit der Beteiligten definiert ist. Analytiker und Patient stehen unausgesetzt und unvermeidlich, bewusst und unbewusst miteinander in Interaktion. Diese Interaktion hängt mit dem zusammen, was sie in der Gegenwart des jeweils Anderen erleben und wie sie sich verhalten. Das Feld determiniert auch, was jeder Beteiligter in der Gegenwart des Anderen erleben kann; dies gilt insbesondere für die affektiven Aspekte der Erfahrung. Das Feld ist einerseits die Gesamtsumme all jener bewussten und unbewussten wechselseitigen Einflüsse der Beteiligten. Andererseits resultiert es aus all diesen Einflüssen, der Bezogenheit und den Erfahrungen, die sich zwischen den beiden Personen infolge ihres Umgangs miteinander entwickeln. Sobald das Feld etwas hervorbringt – sobald es sich verändert, um sich den von seinen Beteiligten ausgehenden Einflüssen anzupassen -, wird diese Hervorbringung Teil des Einflusses, der auf den nächsten Moment der Bezogenheit einwirkt. Ebenso wie die wechselseitige Beeinflussung der Teilnehmer sind auch die

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