Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Hans Loewald (1961, 1978) war ein Denker des Übergangs, der sich als Ich- Psychologe verstand und auf meisterhafte Weise die Einflüsse der interpersonalen Theorie Harry S. Sullivans, Margaret Mahlers Theorie der Separation-Individuation sowie Aspekte der Theorien Melanie Kleins, Otto Kernbergs (eines weiteren Integrationisten), Donald W. Winnicotts, Heinz Kohuts und der Selbstpsychologie mit der freudianischen Ich-Psychologie integrierte. Loewalds Ich-Psychologie führt die Triebtheorie mit Objektbeziehungen zusammen, die aus dem Zentrum des noch unausgereiften, sich in der Mutter-Kind-Beziehung entwickelnden kindlichen Ichs hervorgehen. Jonathan Lear (2003), Philosoph und Psychoanalytiker, hat dies als die „Big-Bang-Theorie“ der Psychoanalyse charakterisiert. Loewalds Werk wurde auch als entscheidende Brücke zwischen einer „Eine-Person-Psychologie“ (einer Triebmotivationstheorie wie der topischen Theorie Freuds) und einer „Zwei- Personen-Objektbeziehungspsychologie“ bezeichnet. Seine Schriften waren von grundlegender Bedeutung für die relationale Theorie, die sich in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten entwickelte (Greenberg und Mitchell 1983). Sein integrativer und transformativer Zugang machte ihn zum Vater der modernen „amerikanischen unabhängigen Tradition“ (Chodorow 2004). Darüber hinaus klingen seine Modelle auch in den Konzeptualisierungen des „Dritten Modells“ an (siehe die Einträge DAS UNBEWUSSTE, OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN und KONFLIKT). Beispiele für einige dieser komplexen Entwicklungen werden unten erörtert. III Bba. Spezifische Beispiele für Ausarbeitungen und Erweiterungen 1960er – 2000er Jahre Charles Brenner (1981, 1982b, 1991) und Jacob Arlow (1980, 1987; Arlow und Brenner 1964) erweiterten Freuds Konzipierung der aus Konflikten zwischen den Strukturen des psychischen Apparats – Es, Ich und Über-Ich – hervorgehenden psychischen Formation. Sie postulierten, dass praktisch alle psychischen Produktionen, etwa Träume, Charakter, Phantasien, freie Assoziationen, durch Konflikte generiert werden. Jede beobachtbare Verhaltensweise wird so zum Abkömmling eines zugrunde liegenden Konflikts. Brenner betrachtete sogar das Über-Ich als Kompromissbildung oder als Ensemble von Kompromissbildungen, hervorgegangen aus Konflikten. Seiner Ansicht nach ist im psychischen Leben alles eine Kompromissbildung , eine Kombination aus der Befriedigung von Triebabkömmlingen (einem in der Kindheit gründenden Triebwunsch), aus Unlust in Form von Angst und depressivem Affekt – beide assoziiert mit dem Triebabkömmling –, aus Abwehroperationen mit der Aufgabe, die Unlust zu minimieren, und aus der Aktivität des Über-Ichs (Schuldgefühle, Selbstbestrafung, Wiedergutmachung usw.). Kein Gedanke, kein Handeln, kein Plan, keine Phantasie, kein Traum und kein Symptom ist jemals nur das eine oder das andere. Jedes Verhalten, jedes Gefühl und jeder Gedanke ist durch sie alle mehrfach determiniert (Papiasvili 1995). Aus dieser spezifischen Erweiterung ging schließlich die heute so

112

Made with FlippingBook - Online magazine maker