Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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wichtigen Personen aus der Vergangenheit modelliert sind. Das interpersonale Feld ist breiter. Es schließt die wechselseitigen Einflüsse mit ein, die von dem gesamten Nexus der Affekte, Motive und Intentionen, Gedanken, Protogedanken, bedeutungshaltigen Verhaltensweisen, Metaphern und Phantasien ausgehen, die auftauchen, wenn zwei Menschen sich aufeinander einlassen. Die jeweilige Komposition des Feldes begünstigt bestimmte unerwünschte Artikulationen von Erfahrung und erschwert andere. Wir können sagen, dass die Komposition des Feldes durch die Interaktion der Selbstzustände seiner Teilnehmer zustande kommt und deshalb in ständiger Bewegung ist. Weil sich die Selbstzustände beider Beteiligter immerzu in Reaktion auf die Selbstzustände des jeweils Anderen verändern (Bromberg 1998, 2006, 2011), verändert sich auch das Feld. Das interpersonale Feld bleibt ein Konzept, es ist keine Erfahrung. Erfahrungsnäher formuliert: Veränderungen im Feld sind Veränderungen in den Möglichkeiten der Bezogenheit – d.h. Veränderungen der Formen von Bezogenheit, die gefördert bzw. verhindert werden. Kaum je „kennen“ wir das Feld. Unsere Aufmerksamkeit wendet sich ihm zumeist erst zu, wenn wir seine Einflüsse spüren oder fühlen . Um explizit über das Feld nachzudenken, bedarf es gewöhnlich einer bewussten Anstrengung, und abgesehen von Psychotherapeuten und Psychoanalytikern mit ihrem einschlägigen professionellen Interesse hat kaum jemand Grund, eine solche Anstrengung zu unternehmen. Auch gibt es zahlreiche Umstände oder Aspekte des Feldes, die eine Reflexion dieser Art gar nicht zulassen. Auf der phänomenologischen Ebene fühlen sich für die Beteiligten unterschiedliche Formen der Bezogenheit naheliegend oder natürlich an, was unserer bewussten Aufmerksamkeit zumeist entgeht. Das heißt, mit den Veränderungen in der Art des Feldes verfallen Patient und Analytiker praktisch umstandslos in bestimmte, wechselnde relationale Muster. Diese Vorgänge bleiben unbemerkt, sind unauffällig – mit einem Wort: natürlich. Wenn eine bestimmte Art der Bezogenheit natürlich wird (z.B. freundliches Verhalten), treten andere Arten der Bezogenheit (z.B. Reizbarkeit) in den Hintergrund und fühlen sich im Hinblick auf diese Umwelt weniger angenehm, selbstverständlich oder natürlich an; vielleicht werden sie sogar aktiv vermieden, etwa mit einer unbewussten dynamischen Zielsetzung (d.h. aus einem unbewussten Abwehrmotiv heraus). Daraus folgt zweierlei: 1. Wenn wir die förderlichen und die hemmenden Einflüsse des Feldes auf die Inhalte der individuellen Psychen berücksichtigen, müssen wir auch anerkennen, dass die Freiheit, die größte Bandbreite unerwünschter Erfahrung zuzulassen, auf dem Grad an Flexibilität und Freiheit des Feldes beruht. 2. Der Grad an Flexibilität des Feldes wird durch die Bandbreite der Bezogenheit definiert, die den Beteiligten zugänglich ist.

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