Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III. Abc. Intersubjektivität als zentrale Dimension der Relationalen Psychoanalyse Eine relationale Perspektive begann sich in den 1980er Jahren in den USA abzuzeichnen, nachdem Jay Greenberg und Stephen Mitchell in ihrem Buch „Object Relations in Psychoanalytic Theory“ (Greenberg & Mitchell 1983) ein relationales/konfliktbezogenes Modell der Psyche dargelegt hatten, dass sich von einem Trieb-/Konfliktmodell deutlich unterschied. Begünstigt durch eine Synthese mannigfaltiger Perspektiven, die mit einem relationalen/konfliktbezogenen Modell vereinbar waren (amerikanische interpersonale Psychoanalyse, Objektbeziehungstheorien aus den Schulen der Kleinianer und der britischen „Unabhängigen“, post-kohutianische Selbstpsychologien mit intersubjektivistischen Schwerpunktsetzungen usw.), spielten die Entwicklung und Anwendung von Theorien, welche die intersubjektive Dimension der Psychoanalyse sowie der Entwicklung betonten, im Zuge der Entwicklung der relationalen Theorie eine zentrale Rolle. Weil die relationale Psychoanalyse eine heterogene Perspektive repräsentiert, die eine Vielfalt komplementärer Synthesen und Integrationen miteinschließt, stehen Analytiker, die sich selbst als „relationale Theoretiker“ bezeichnen, für durchaus unterschiedliche Verständnisweisen, Betonungen und Anwendungen der intersubjektiven Theorie. Bindungstheoretiker, die Boston Change Process Study Group (BCPG) und Jessica Benjamin (2004) haben im Gefolge Winnicotts Entwicklungsanspekte der Intersubjektivität besonders gewichtet, wobei Benjamin vor allem der wechselseitigen Anerkennung, der Unterbrechung und Wiederherstellung des Prozesses und „dem Dritten“ spezielle Aufmerksamkeit widmet (Benjamin 1988, 1995, 2004, 2013). Theoretiker mit Wurzeln in der interpersonalen Tradition ( Stephen Mitchell , Anthony Bass , Phillip Bromberg , Donnel Stern und andere) habe die unverwechselbaren, unhintergehbaren Subjektivitäten betont, die eine jede Dyade gemeinsam kreieren - mitsamt ihren spezifischen Übertragungs-Gegenübertragungsfeldern an Erfahrung und Fähigkeiten, die es zu untersuchen und deren jeweiligen Beitrag zu Enactments und anderen Formen psychotherapeutischer Verstrickungen es zu identifizieren gilt. Relational orientierte Analytiker betonen vor allem die Bi-direktionalität im Feld der Übertragung-Gegenübertragung und in den Enactments. Unter einem relationalen intersubjektiven Blickwinkel kann man beispielsweise nicht automatisch annehmen, dass man bestimmen kann, ob ein Enactment oder eine projektive Identifizierung vom Therapeuten oder vom Patienten ausgeht. Vielmehr muss man gemeinsam und unvoreingenommen die Erfahrungsströme untersuchen, die das intersubjektive Erfahrungsfeld, das beide Beteiligte erzeugen, konstituieren. Patient und Analytiker lassen sich mit ihrer je eigenen Subjektivität, ihrer bewussten und unbewussten Erfahrung und mit der gesamten Palette an Ressourcen und Einschränkungen, blinden Flecken und Einsichten aufeinander ein, die in der Therapie zur Wirkung gelangen. Die relationale, von Grund auf intersubjektivistisch ausgerichtete Theorie versucht, die Implikationen dieser Perspektive für die analytische Arbeit zu erklären. Relationale Theorie und Technik legen besonderes Gewicht auf die Subjektivität

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