Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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(Veränderung des Affekts, Themenwechsel, Schweigepausen) identifizieren und analysieren. Gray (1973) postulierte, dass „das oberste Ziel des Analytikers immer darin besteht, die Psyche des Patienten und nicht dessen Leben zu analysieren“ (S. 477). Das heißt, der Fokus richtet sich auf die psychische Realität „im Innern“ der Analyse. Als andere ist in seinen Augen eine potentielle „defensive Flucht vor der Realität“. Der Analytiker hat sich auf den Strom der Assoziationen zu konzentrieren, um die Entwicklung der Übertragungsneurose nicht zu beeinträchtigen. Der analytische Fokus richtet sich exklusiv auf die von Sekunde zu Sekunde sich wandelnden Schicksale der freien Assoziationen des Patienten („genaue Prozessüberwachung“). Gray (1982, 1994) erläutert, dass es zwar in der Psychoanalyse seit langem eine Theorie der durch das unbewusste Ich vermittelten Widerstände gibt, diese aber häufig nicht in die Behandlungstechnik implementiert wird. In seinem klassischen Beitrag über eine „Entwicklungsverzögerung“ in der analytischen Technik thematisierte Gray (1982) das Versäumnis der modernen Psychoanalyse, das theoretische Wissen über das unbewusste Ich auf das intrapsychische Leben anzuwenden. Er umriss das Problem wie folgt: „Ich bin – zu Recht oder Unrecht – vor einiger Zeit zu der Schlussfolgerung gelangt, dass sich die Art und Weise, wie eine beträchtliche Anzahl von Analytikern dem Material zuhört und es wahrnimmt, in bestimmter, wichtiger Hinsicht nicht in der Weise herausgebildet hat, wie es meiner Ansicht nach der Fall gewesen wäre, wenn man historisch bedeutsamen Konzepten über die Abwehrfunktionen des Ichs vorbehaltlos ihren Platz in der tatsächlichen Anwendung der psychoanalytischen Technik eingeräumt hätte“ (Gray 1982, S. 622). Grays „genaue Aufmerksamkeit für den Prozess“ der Abwehrfunktion des Redeflusses in der Sitzung fokussiert auf die Übertragungsanalyse, die sich im Rahmen des Paradigmas des strukturellen Konflikts auf Befürchtungen konzentriert, vom Analytiker womöglich verurteilt zu werden (Gray 1994, 1996). Innerhalb dieses Paradigmas plädiert Gray ganz entschieden dafür, Mikrodeutungen von Widerständen in jeder Phase der analytischen Behandlung Priorität gegenüber der Erwartung einzuräumen, dass der Patient kontinuierlich frei assoziiert. Die „genaue Aufmerksamkeit für den Abwehrprozess“ und dessen Analyse ist eine spezifische Variante eines individualisierten, deutungsreichen Zugangs zu einer vom Patienten auf den Analytiker verschobenen und/oder projizierten verurteilenden Haltung. Im Einklang mit den ich-psychologischen Grundsätzen verlangt eine effektive Widerstandsanalyse nicht die Analyse der Inhalte des Widerstandes, sondern die Exploration und das Durcharbeiten der Art von Gefahr, die dem Ich droht. Zu Grays Kritikern zählen Autoren, in deren Augen diese Methode zu kurz greift, um die „Anziehung“ der topographischen/archäologieähnlichen Ausgrabung der unbewussten Inhalte zu überwinden (Phillips 2006), und andere, nach deren Meinung Gray zu weit geht, weil er mutmaßlich der Rolle der Aggression allzu große Bedeutung beilegt und den Ich-Widerstand gegenüber dem Es-Widerstand

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