Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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beider Beteiligter. Relationale psychoanalytische Therapien fokussieren auf den Beitrag, den die Subjektivität des Analytikers zum Prozess leistet, und untersuchen, wie der Patient diesen Beitrag erlebt. Sie betonen auch, wie der Analytiker in Enactments hineingezogen wird, die dem Patienten und dem Behandler dissoziierte Anteile ihrer Erfahrung offenbaren, die ihnen vor dem Erkennen und Durcharbeiten solcher Enactments nicht zugänglich waren (Bromberg 1998, 2006; Bass 2003; Benjamin 2003, 2013). Die relationale Psychoanalyse hat die Wechselseitigkeit des psychoanalytischen Prozesses in ihren verschiedenen Dimensionen betont; sie unterscheidet zwar zwischen Aspekten der Wechselseitigkeit, die den Prozess fundieren (Dupont 1988), und den Asymmetrien, die ihm inhärent sind ( Lewis Aron , Irwin Hoffman ), doch von manchen Autoren (Bass 2001, 2007) werden die Komplementaritäten hervorgehoben, die jenseits der bewussten Rollenidentifizierungen und Verantwortlichkeiten, von denen Analytiker und Patienten sich bewusst leiten lassen, zwischen den psychischen Beiträgen des Analytikers und denen des Patienten bestehen. Moderne Psychoanalytiker, die mit intersubjektiven Konzepten der Subjektivität und des analytischen Prozesses arbeiten, mixen, kombinieren und produzieren viele unterschiedliche und vergleichbare theoretische Entitäten. Manche interessieren sich mehr für die sozio-politische Seite, andere für die Implikationen, die das Intersubjektive für die Technik mit sich bringt, und wieder andere für seine Einflüsse auf die Metapsychologie. Diese Ansätze weisen Unterschiede wie auch Überschneidungen auf, doch die Intersubjektivität besitzt in psychoanalytischen Konzepten vielleicht insofern einen einmaligen oder zumindest ungewöhnlichen Status, als der Begriff und seine Erweiterungen und Bedeutungen sich wandeln und intensiv weiterentwickeln. Seit einiger Zeit ist der Begriff des Intrasubjektiven im Schwange, der die doppelte Erfahrung eines „Zwischen und Innen“ bezeichnen soll. III. Ac. Beispiele für hybrid-integrative Perspektiven in den USA III. Aca. Nordamerikanische Intersubjektive Ich-Psychologie Eine spezifisch nordamerikanische/US-amerikanische „Independent Tradition“ der intersubjektiven Ich-Psychologie wurde von Nancy Chodorow (2004) beschrieben. Zwei gegenläufige psychoanalytische Theorien – Ich-Psychologie und interpersonale Psychoanalyse, begründet durch Heinz Hartmann bzw. Harry Stuck Sullivan – werden hier miteinander verbunden und in Spannung zueinander gehalten. Das heißt, die zeitgenössische intersubjektive Ich-Psychologie verbindet einen Fokus auf intrapsychischen Konflikt, Kompromissbildung, innere Welt und intrapsychische Phantasie mit der Anerkennung der auch interpersonal und kulturell erzeugten Psyche (des Patienten und des Analytikers). Die Übertragung ist eine Wiederholung, zu der seine Lebensgeschichte den Patienten treibt. Sie wird vom Analytiker gedeutet, doch nicht alles, was sich zwischen den Beteiligten abspielt, geht vom Patienten aus. Dieser kann auch zum Interpreten des Erlebens des Analytikers werden oder dessen

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