Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Gegenübertragung beeinflussen. Gemeinsam ko-kreieren beide Beteiligte das analytische Feld, das in einem gewissen Sinn mehr ist als die Summe der Anteile zweier Personen. Intersubjektiv orientierte Ich-Psychologen berücksichtigen beide Blickwinkel gleichzeitig und modifizieren sie dadurch. Der zeitgenössische intersubjektive Ich-Psychologe Warren Poland (1996) beschreibt diese hybride Integration mit folgenden Worten: „Wie kann es sein, dass kein Mensch eine Insel ist und dass gleichzeitig jeder Mensch eine Insel ist? […] Es ist irreführend, leichthin von Eine-Person-Psychologie versus Zwei-Personen- Psychologie zu sprechen. Kein Mensch existiert außerhalb eines menschlichen, an Objekte gebundenen Feldes; der analytische Raum färbt, wie jeder Einzelne durch den Anderen zum Verstehen und zur Einsicht gelangt. Die Psyche eines jeden Individuums kann sich auf den Anderen einlassen, bleibt aber stets entschieden getrennt, ein privates Universum inneren Erlebens“ (Poland 1996, S. 33). Im Einklang mit dieser doppelten Fokussierung, nämlich zum einen der intensiven Erfahrung des Individuums und zweitens der Anerkennung des tiefgreifenden Einflusses, den die sozio-kulturelle Umwelt ausübt, führt Chodorow die moderne intersubjektive Ich-Psychologie unmittelbar zurück auf Hans Loewald und Erik H. Erikson , beide Emigranten aus Europa, die vor den Nazis geflohen waren. Sie erläutert insbesondere Eriksons Fallgeschichten, in denen er die Tragödien des inneren Lebens sowie die unkontrollierbaren Schicksalsschläge in der Familie und in der Geschichte darstellt. Chodorow betont auch Eriksons Konzept der psychosozialen Entwicklung (Erikson 1964) und seine allgemeinen sozio-kulturellen und politischen Interessen, von denen seine Schriften über Armut, über die Misshandlung der Native Americans und über die Depression und Selbstvorwürfe, die durch die Immigration oder durch das Leben in einer Welt mit rassistischen Vorurteilen verschärft werden können (Erikson 1964), zeugen. In seinem Kapitel über die amerikanische Identität rühmt Erikson (1964) in „Kindheit und Gesellschaft“ die amerikanische Individualität, verurteilt aber auch den Rassismus, Kapitalismus, die Ausbeutung und die Massengesellschaft. In Bezug auf Loewalds gesellschaftlichen und individuellen Fokus erläutert Chodorow seine Aussage über den von ihm so genannten Verrat, den Heidegger in den Jahren des Nationalsozialismus beging, seinen entwicklungspsychologischen Fokus auf die unvermeidliche Tötung der Eltern und die ödipale Wiedergutmachung sowie auf seine Anerkennung der Unauflösbarkeit bestimmter negativer therapeutischer Reaktionen, die er z.T. auf den Todestrieb zurückführt. Hans Loewald zählte zu den freudianischen Revisionisten der 1960er, 1970er und 1980er Jahre, die freudianische Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie zusammenführten, um eine psychoanalytische Theorie zu formulieren, die dem tatsächlichen Erleben der Menschen nach ihrer Ansicht näher kam. Ihn interessierten vor allem die Grundannahmen des psychoanalytischen Theoriegebäudes und die basalen Vorannahmen über die Natur der Psyche und des Geistes, über die Realität und über den analytischen Prozess.

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