Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Loewald war überzeugt, dass Freud zwei unterschiedliche theoretische Erklärungen der Triebe formulierte. Die erste stammt aus der Zeit vor 1920 und versteht das Streben nach Spannungsabfuhr als Merkmal der Triebe. Die zweite entstand mit der Einführung des Eros in „Jenseits des Lustprinzips“ (Freud 1920), wo Freud seine Definition des Triebes radikal umformulierte. Der Trieb strebt nicht länger nach Abfuhr, sondern nach Verbundenheit, „indem er Objekte nicht zur Befriedigung benutzt, sondern um komplexere mentale Erfahrungen aufzubauen und die verlorene ursprüngliche Einheit zwischen dem Selbst und Anderen wiederherzustellen“ (Mitchell & Black 1995, S. 190). Loewalds Revision der Freud’schen Triebtheorie setzte eine radikale Umformulierung von Freuds traditionellen psychoanalytischen Konzepten voraus. War das Es für Freud eine unwandelbare, konstante biologische Kraft, die mit der sozialen Realität kollidiert, wird es bei Loewald zu einem im Dienst der Anpassung stehenden Produkt der Interaktion. Die Psyche ist nicht in zweiter Linie interaktiv, sondern wesensmäßig. Loewald nahm an, dass es zu Beginn keine Unterscheidung gibt zwischen Selbst und Anderer, Ich und äußerer Realität, Trieben und Objekten. Stattdessen bilden das Baby und seine Bezugspersonen ein ursprüngliches, einheitliches Ganzes. Der verändernde Einfluss, den Loewald in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren auf die psychoanalytische Metapsychologie und das Auftauchen neuer Möglichkeiten, analytisches Material zu konzeptualisieren, ausübte, findet beispielhaft Ausdruck in seiner Erklärung: „ Triebe, als psychische Triebkräfte verstanden, werden als solche durch Interaktionen innerhalb eines ursprünglich aus der (psychischen) Mutter-Kind- Einheit bestehenden psychischen Feldes organisiert“ (Loewald 1986 [1971], S. 109). Aufgrund solcher Aussagen hat man Loewald, der sich selbst als Ich-Psychologe verstand, später als beispielhaft für das am „Dritten Modell“ orientierte Denken bezeichnet (s. unten). (Siehe auch den Eintrag OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN). Indem Loewald Freuds Triebtheorie und die Ich-Psychologie in seinen Schriften miteinander verband, baute er eine entscheidende Brücke zwischen einer „Eine-Person-Psychologie“ und einer „Zwei-Personen-Objektbeziehungspsychologie“ (siehe auch die Einträge ICH-PSYCHOLOGIE und OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN). In Reaktion auf die Kritik beider Seiten – die dieser hybriden integrativen Orientierung vorwarfen, das Unbewusste und die Triebe allzu stark zu gewichten bzw. zu vernachlässigen – erörterte Chodorow (2004), inwiefern intersubjektive Ich- Psychologen Loewalds Interesse am Unbewussten des Analytikers und seinen Auswirkungen auf den klinischen Prozess weiterhin pflegen; sie finden das Unbewusste in Eriksons Aufmerksamkeit für Ängste und Abwehrmechanismen und in den Prozessen der kindlichen Symptombildung, die er detailliert und einfühlsam beschreibt. Gerade weil am Anfang der Psychoanalyse die Anerkennung der unverwechselbaren Subjektivität steht, die sich in jedem Individuum durch unbewusste Affekte, Triebe, Phantasien, Konflikte, Kompromissbildungen und durch die persönliche dynamische Geschichte herausbildet, und weil sie anerkennt, dass

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