Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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persönlicher Verantwortung und Individualität betont – die Fähigkeit, ein Individuum zu sein. Objekt, Objektbeziehungen und Selbst sind im analytischen, intrapsychischen Sinn vor der ödipalen Phase noch nicht existent. In einer diffizilen Erörterung von Elternmord und Inzest bindet er das Narzisstische und das Präödipale direkt in den ödipalen Kern ein. In seiner Betonung von Schuldgefühl und Wiedergutmachung finden sich Anklänge an Melanie Kleins depressive Position sowie an Kohut und Winnicott in der Beschreibung des symbiotischen und transitorischen Charakters der ödipalen Erfahrung, wie Loewald sie beschreibt. Die Anfänge von Otto Kernbergs Version der Objektbeziehungstheorie im Rahmen von Freuds Strukturmodell und Hartmanns Ich-Psychologie gehen auf die 1970er Jahre zurück. Selbst- und Objektrepräsentanzen werden dieser Theorie zufolge durch Affektdispositionen miteinander verknüpft. Das Augenmerk gilt den frühen Konflikten von Menschen mit Borderline-Pathologien. Kernberg (1977, S. 38) betrachtet die Objektbeziehungen als einen „wesentlichen Organisator des Ichs“ und die „Selbst-Objekt-Affekt-Einheiten“ als primäre Determinanten der psychischen Strukturen Es, Ich und Über-Ich. In seinem Beitrag “Self, Ego, Affects, and Drives” legt Kernberg (1982) seine Sicht der Entwicklung und der Strukturbildung dar und zeigt eine Modifizierung der dualen Triebtheorie auf. Indem er das Selbst als eine intrapsychische Struktur beschreibt, die aus dem Ich hervorgeht und ins Ich eingebettet ist, orientiert er sich eng an Freuds impliziter Annahme, dass Selbst und Ich unauflöslich miteinander verbunden sind. Seine Beschreibung der Entstehung der frühen Selbst- und Objektrepräsentanzen integriert Erkenntnisse der zeitgenössischen Neurobiologie und Studien über die Säuglingsentwicklung mit seiner revidierten Formulierung der dualen Triebtheorie im Licht der Beziehung zwischen Affekten und Trieben. Zahlreiche Affekte bilden demnach die primären Motivationssysteme und verknüpfen zunehmend differenzierte und integrierte Selbst- und Objektrepräsentanzen. Dabei konsolidieren sich die Affekte nach und nach zu libidinösen und aggressiven Trieben. Diesem Modell gemäß sind Affekte die Bausteine oder konstitutiven Bestandteile der Triebe. Kernberg hat seine integratives Theoriebildung im Laufe der folgenden 30 Jahre fortgesetzt. Kernbergs Version der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie (1982, 2004, 2015) zeigt die Beziehung zwischen den Ebenen der psychischen Strukturentwicklung zur Persönlichkeitsorganisation und zur Psychopathologie auf. Kernberg beschreibt zwei basale Ebenen der Persönlichkeitsorganisation (Borderline- und neurotische Organisation), denen zwei basale Ebenen der Entwicklung zugrunde liegen. Diese folgen auf die ursprüngliche Undifferenziertheit von Selbst und Objekt (Psychose). Kernberg knüpft an Jacobson und Mahler an, integriert Aspekte des kleinianischen Denkens und nimmt an, dass das präverbale Kind unter der Vorherrschaft von „Spitzenaffektzuständen“ eine duale psychische Struktur aufbaut.

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