Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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In diesen Zuständen intensiver Affekte werden Selbst und Objekt in idealisierte und/oder verfolgende Partialobjektrepräsentanzen gespalten oder dissoziiert. Werden die Mutter-Kind-Interaktionen von einem aggressiven Affekt beherrscht, so ist die für den Erwerb der Ich-Identität erforderliche Integration beeinträchtigt und es entwickelt sich eine Borderline-Persönlichkeitssstörung. Im Falle des Narzissmus wird eine „pathologische Selbststruktur“ („Größenselbst“, „grandioses Selbst“), die Repräsentanzen des „Realselbst“, des „Idealselbst“ sowie des „Idealobjekts“ enthält, libidinös besetzt. Wenn die Entwicklungsbedingungen während der ersten drei Lebensjahre aber die Toleranz ambivalenter Gefühle, also positiver wie auch negativer emotionaler Beziehungen zu denselben äußeren Objekten, zulassen, kann das Kind ein integriertes Selbstgefühl („normales Selbst“, realistisches Selbstkonzept) und die Fähigkeit erwerben, wichtige Andere auf integrierte Weise zu sehen. Der Erwerb der Selbst und Objektkonstanz ermöglicht die Entstehung der Ich-Identität. Die daraus resultierende innere Strukturbildung setzt dem Es Grenzen und lässt ein Ich entstehen, das über Sublimierungsfähigkeiten verfügt und seinen emotionalen Bedürfnissen bezüglich Sexualität, Abhängigkeit, Autonomie und aggressiver/assertiver Selbstbehauptung auf adaptive Weise Ausdruck verleihen kann. Internalisierte Objektbeziehungen, die die ethischen Gebote und Verbote enthalten, die dem Kind in seinen frühen Interaktionen mit seiner psychosozialen Umwelt vermittelt werden, können ins Über-Ich integriert werden. Auf dieser in höherem Maß integrierten (neurotischen, „normalen“) Ebene der Persönlichkeitsorganisation können sich intrapsychische Konflikte zwischen den drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich entwickeln (Trieb-Abwehr-Konflikte). Der vorherrschende Abwehrmodus ist hierbei die Verdrängung. Kernbergs (2004, 2015) aktuelle Ebene der theoretischen Integration beschreibt einen allgemeinen Entwicklungsrahmen, der die in der Objektbeziehungstheorie gründende psychoanalytische/strukturelle Theorie der Entwicklung mit neurobiologischen Entwicklungsaspekten zusammenführt. Er beschreibt die parallele Entwicklung neurobiologischer affektiver und kognitiver, genetisch determinierter Systeme, die einander wechselseitig beeinflussen, und psychodynamischer Systeme, die sowohl der Realität als auch motivierten Verzerrungen der inneren und äußeren Beziehungen zu wichtigen Anderen entsprechen. (Siehe auch die Einträge OBJEKTBEZIEHUNGEN, KONFLIKT und SELBST.) Nancy Chodorow beschreibt eine weitere Integration, die sie als Intersubjektive Ich-Psychologie bezeichnet und die zwei psychoanalytische Richtungen, die man eher für widersprüchlich hielt, miteinander verbindet, nämlich die amerikanische Ich-Psychologie und die Interpersonale Psychoanalyse, begründet von den nordamerikanischen Theoretikern Heinz Hartmann bzw. Harry Stack Sullivan. Chodorow sieht in Loewald und Erikson, die sich selbst als Ich-Psychologen verstanden, frühe Vertreter dieser hybriden Orientierung. In diesem Sinne beschreibt sie die Intersubjektive Ich-Psychologie als „einen mittleren Bereich zwischen der

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