Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Reaktion auf die durch sexuelle oder aggressive Strebungen drohenden Gefahren eine Signalangst , eine transformierte, rudimentäre, archaische traumatische Angst, die mit Gefahren im Zusammenhang mit dem Verlust des Objekts, mit dem Verlust der Liebe des Objekts, mit der Kastration und dem Verlust der inneren Akzeptanz, der Liebe des Über-Ichs, zusammenhängen. Die Signalangst aktiviert Abwehrmechanismen, um drohende Gefahren zu bannen: „Der früheren Auffassung lag es nahe, die Libido der verdrängten Triebregung als die Quelle der Angst zu betrachten; nach der neueren hatte vielmehr das Ich für diese Angst aufzukommen” (Freud 1926d, S. 193f.). Das Ich wurde zur ausführenden psychischen Instanz, die Konflikte handhabt und Kompromisse schmiedet. In seinen letzten Schriften zu diesem Thema postulierte Freud (1940a [1938]) eine autonome Ich-Entwicklung. Das Strukturmodell tauchte nicht über Nacht auf, und es war auch keine vollständige Ersetzung des topischen Modells. Die Elemente der Strukturtheorie wurden nach und nach, schon lange vor 1923, konzipiert und formuliert. Allerdings kehrte Freud häufig zum topischen Verständnis von Phänomenen zurück. Es blieb anderen überlassen (Grey 1982; Busch 1992, 1993, 1999; Paniagua 2008, 2014), eine schlüssige Theorie zu formulieren, die beide Theorien der Angst miteinander verbindet, also “eine einheitliche Theorie der Angst” (Rangell 1969a, 1969b), oder ich- psychologische Prinzipien in der psychoanalytischen Technik konsequent anzuwenden, z.B. Abwehroperationen zu analysieren, statt sie zu konfrontieren und zu “überwinden”. III Aa. Mannigfaltige Richtungen der frühen ich-psychologischen Studien Freuds endgültige Konzipierung des Ichs als einer aktiven ausführenden psychischen Instanz regte vielfältige Untersuchungen über die Rolle des Ichs im psychischen Geschehen, in der Entwicklung, der Psychopathologie und der Behandlung an, die der frühen Ich-Psychologie verschiedenste Richtungen erschlossen. In Wien konzipierte Paul Federn (1926) die Ich-Grenze zwischen dem Ich und der Objektrepräsentanz, ein Konzept, das die Subjektivität des Freud’schen Ichs / ego mit dem Begriff „Ichgefühl“ bewahrte. Ungeachtet der terminologischen und konzeptuellen Unterschiede zur „klassischen Ich-Psychologie“ in New York, wohin er emigrierte, besteht Federns Beitrag in seiner Betonung der Tatsache, dass Ichgefühle in der Psychose im Zusammenhang mit Derealisation und Depersonalisation nach und nach verlorengehen, d.h., dass die narzisstische Besetzung des Ichs zurückgenommen wird. Dies geschieht nicht nur, wenn die Entfremdung die Gefühle des Subjekts selbst betreffen, sondern auch, wenn sie im Verhältnis zur Welt der Objekte eintritt (Jacobson 1954). Ebenfalls in Wien beschrieb Hermann Nunberg (1931) die synthetische Funktion des Ichs . Später, in New York, untersuchte er die Konzepte der Ich-Stärke

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