Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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zwei Subjekte ihre Unverwechselbarkeit in das analytische Feld von Übertragung und Gegenübertragung einbringen, das sie in einer spezifischen kulturellen und analytischen Umwelt ebenfalls ko-kreieren, kann die intersubjektive Ich-Psychologie – die amerikanische Fusion von Ich-Psychologie und relationaler Psychoanalyse – Chodorow zufolge weiterhin wachsen. In diesem Kontext haben Elliot Adler und Janet Bachant eine wesentliche Grundlage der klassischen Technik, die psychoanalytische Situation, einer neuerlichen Untersuchung unterzogen und sie mit Blick auf basale Elemente der psychoanalytischen Bezogenheit definiert, die eine tiefgehende Erforschung menschlicher Motivation allererst ermöglichen (Adler & Bachant 1996). Die psychoanalytische Situation wird hier als „ein außergewöhnliches interpersonales Arrangement“ betrachtet, „das in zwei klar voneinander unterschiedenen, jedoch komplementären Weisen der Bezogenheit verankert ist: der freien Assoziation und der analytischen Neutralität“ (ebd., S. 1021). Die freie Assoziation wird beschrieben als ein Pol der „reziproken Rollenerfordernisse“ und als Voraussetzung dafür, dass die Freiheit, sich zu äußern, zu einer introspektiven Begegnung mit den tiefsten emotionalen Regungen „ im Kontext einer Interaktion mit einem anderen Menschen “ führen kann (ebd., S. 1025). Als Deutungsinstrument kommt ihr sogar größeres Gewicht zu als den theoretischen Wissensressourcen. Die Rolle des Analytikers verhält sich komplementär zu der des Patienten. Sie erfüllt die Funktion, die Äußerungsfreiheit zu schützen. So erweisen sich die psychoanalytische Situation und Technik als ein „Zwei-Personen-Prozess“, der aber einem „ Eine-Neurose “-Modell der Behandlung entspricht (ebd., S. 1038). Zu den für die Intersubjektivität relevanten Interessensgebieten heutiger freudianischer Psychoanalytiker zählen das unbewusste Teilen von „Bewusstseinszuständen“ (Libbey 2011), bi-direktionale unbewusste Einflüsse und der inter-psychische Bereich (McLaughlin 2005), des Weiteren Untersuchungen des von Patient und Analytiker erzeugten Feldes, die sich auf Ogden (1994) sowie Baranger und Baranger (2008) stützen, das Enactment (Ellman & Moskowitz 1998, 2008), das „Enaction“-Konzept (Reis 2009) und anderes mehr. III. Acb. Intersubjektivität in der nordamerikanischen post-kleinianischen und post- bionianischen Theorie James Grotstein (1985, 1999, 2005) entwickelte Bions Denken weiter, interpretierte es neu, nahm Gedanken lateinamerikanischer und italienischer Autoren auf und erarbeitete eine integrationistische Version der Intersubjektivität. Sie beruht auf der unbewussten Kommunikation und auf einer zweigleisigen Entwicklung, die sich im psychoanalytischen Diskurs manifestieren. Seine intrasubjektiven, intersubjektiven und transsubjektiven Konzeptualisierungen wurzeln metapsychologisch in der Alterität „des anderen“ Subjekts sowie des Unbewussten und des Primärprozesses und werden phänomenologisch klinisch beobachtet und

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