Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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erfahren. Ein Beispiel ist sein Konzept der „projektiven Transidentifizierung“. Ausgehend von Freuds Beobachtung: „Es ist sehr bemerkenswert, daß das Ubw eines Menschen mit Umgehung des Bw auf das Ubw eines anderen reagieren kann” (Freud 1915, S. 293), und einer Neuinterpretation von Bions und Kleins Konzeptualisierungen, vertritt er die These: „Bei der intersubjektiven projektiven Identifizierung geht es nicht nur wie in Kleins Theorie der projektiven Identifizierung um eine unbewußte, omnipotente, intrapsychische Phantasie (die sich lediglich im Unbewußten des projizierenden Subjekts abspielt), sondern noch um zwei weitere Vorgänge: (1) bewußte und/oder vorbewußte Modi der sensomotorischen Induktion und/oder Evozierung oder Techniken seitens des projizierenden Subjekts, um beim anderen etwas auszulösen (mental, körperlich, verbal, durch Posieren oder Anstoßen, »ihn zu etwas bringen«), worauf (2) beim aufnehmenden Objekt, das bereits inhärent für eine empathische Reaktion ausgestattet (programmiert) ist, eine spontane empathische Simulation des Erlebens des Subjekts erfolgt“ (Grotstein 2006 [2005], S. 162). Hatte Bion Kleins pathologische projektive Identifizierung in den Bereich der kommunikativen projektiven Identifizierung hinein erweitert, so erweiterte Grotstein Bions Konzepte, die kommunikative projektive Identifizierung inbegriffen, in den intersubjektiven Bereich hinein. Ein anderer Theoretiker, der sich mit der intersubjektiven Dimension unbewusster Kommunikation beschäftigt, ist Lawrence Brown (2011). Er integriert historische Beiträge Freuds, Kleins und Bions und erforscht, wie Patient und Analytiker gemeinsam Narrative unbewusster Konfigurationen kreieren, um mit deren Hilfe die psychische Lebensgeschichte des Patienten und seine traumatische Vergangenheit zu analysieren. In Browns System sind Wach- und nächtliche Träume von zentraler Bedeutung. Sowohl Grotstein (1999) als auch Brown (2011) begrüßen, dass die Gegenübertragung in Intersubjektivität transformiert wurde. Brown fügt hinzu: „Darüber hinaus ist Intersubjektivität ein Prozess der unbewussten Kommunikation , Rezeptivität und Bedeutungsstiftung, der in jedem Mitglied der Dyade abläuft, dem gemeinsam geteilten emotionalen Feld idiosynkratischen Sinn zuschreibt und mit einer analogen Funktion im Partner interagiert“ (Brown 2011, S. 7). Das hier verwendete Konzept des analytischen Feldes geht in erster Linie auf M. und W. Barangers Arbeit „The analytic situation as a dynamic field“ (2018 [1961]) zurück. Weil eine englische Übersetzung erst knapp 50 Jahre und eine deutsche knapp 60 Jahre nach der Originalveröffentlichung erschien, war diese fundamentale theoretische Neuerung dem Großteil der psychoanalytischen Community lange völlig unbekannt. Die Barangers beschrieben die unbewusste Phantasie des analytischen Paares und betonten den Beitrag, den projektive und introjektive Identifizierungen zu ihrer Struktur leisten. Über das Konzept einer solcherart ko-kreierten unbewussten Phantasie schrieben sie: „Sie ist etwas, das zwischen beiden entsteht, innerhalb der

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