Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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klassischen strukturellen und der zeitgenössischen Ich-Psychologie einerseits und andererseits der klassischen interpersonalen und zeitgenössischen relationen Psychoanalyse, ganz ähnlich, wie auch die britischen Unabhängigen oder die Middle Group […] sich ursprünglich zwischen Klein und Anna Freud verorteten“ (Chodorow 2004, S. 210). Was die klinische Praxis betrifft, so versucht die intersubjektive Ich- Psychologie, eine intrapsychische „Eine-Person“-Perspektive, die auf unbewusste Phantasie, Triebabkömmlinge, Widerstände, Abwehraktivität, unbewusste Konflikte und Kompromissbildungen fokussiert, mit einem analytischen „Zwei-Personen- Prozess“, der Mutter-Kind-Beziehung und im weiteren Sinn dem sozio-kulturellen Feld, in Einklang zu bringen. Sie verbindet die Sprache der Deutung und Einsicht mit der Sprache des Enactment, der Übertragung-Gegenübertragung und mit dem Beitrag der Subjektivität des Analytikers. Diese Orientierung rekurriert auch auf Arbeiten von Boesky (1989), Chused (1997), Jacobs (1999) , McLaughlin (1996), Poland (2000) und Renik (1996).

III Bc. Zweige und Konzeptualisierungen

III Bca. Ich-Psychologie der Entwicklung Im Rahmen der Strukturtheorie wurden die Theorie der psychosexuellen Entwicklung, der Entwicklung der Persönlichkeitsorganisation und der Objektbeziehungen nicht als separate Theorien betrachtet. Auf die „Anlage“ der Objektbeziehungstheorie in der späteren Strukturtheorie von 1923 deuteten schon Freud Abhandlung „Zur Einführung des Narzissmus“ von 1914, insbesondere aber die Schrift „Trauer und Melancholie“ (1916-17g) voraus, in der er Introjektions- und Internalisierungsvorgänge erläuterte. 1926 stellte Sigmund Freud die These auf, dass das Ich aus Identifizierungen hervorgehe. Heinz Hartmann (1950) lokalisierte differenzierte Selbst- und Objektrepräsentanzen im System Ich. In Ergänzung von Anna Freuds Formulierung der „Entwicklungslinien“, die die psychosexuelle Entwicklung mit spezifischen Ängsten, Abwehrprozessen und Objektbeziehungen verbinden, und Hartmanns These einer undifferenzierte Ich-Es-Matrix, die sich aus ihrem eigenen angeborenen Potenzial in Interaktion mit einer „durchschnittlich erwartbaren Umwelt“ entwickelt, schrieb Erik H. Erikson ein Narrativ der psychosexuellen Entwicklung, das den Einfluss betont, den Beziehungen und Kultur auf die Entwicklung des Ichs ausüben. In Anlehnung an Freuds und Hartmanns Formulierungen beschrieb Edith Jacobson (1964) einen engen Zusammenhang zwischen den Mikrostrukturen der mit Affekten besetzten Welt innerer Repräsentanzen und den Makrostrukturen Ich und Über-Ich. Margaret Mahlers Beitrag (Mahler, Pine und Bergman 1975) warf Licht auf die progressive Individuation-Separation „auf dem Weg zur Objektkonstanz“, also zu stabilen Objektrepräsentationen. Beide Theorien haben einander wechselseitig beeinflusst.

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