Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Peter Blos Sr ., einer der Pioniere der psychoanalytischen Adoleszenzforschung jener Zeit, arbeitete im selben konzeptuellen Bezugsrahmen wie Hartmann, Kris und Loewenstein, formulierte aber ergänzend eine originäre entwicklungspsychologische Perspektive, die speziell auf die herausragende Rolle der Regression in der Adoleszenz abhob. Anna Freud (1963) hatte die Regression bereits als einen notwendigen und häufig positiven Teil der Entwicklung erkannt. Hartmann (1939/ 1960) und Ernst Kris (1952) hatten ihr zudem eine wichtige Rolle im adaptiven Funktionieren des Erwachsenen zugeschrieben. Blos behauptete jedoch, dass „die adoleszente progressive Entwicklung von der Regression, ihrer Toleranz und ihrer Nutzbarmachung für die psychische Restrukturierung abhängig ist und sogar durch sie bestimmt wird“ (Blos 1971, S. 27). Später schrieb er (Blum 1978), dass Mahlers Wiederannäherungsphase (Mahler, Pine und Bergman 1975) vielleicht die einzige andere Phase in der gesamten Entwicklung sei, in der die Regression als Voraussetzung einer progressiven Entwicklung dient. Blos betonte, dass die Regression zwar zu verschiedenen Zeiten Teil der Entwicklung sein könne, in der Adoleszenz aber absolut notwendig sei, damit überhaupt eine Weiterentwicklung hin zur psychischen Trennung von den Eltern und zur Formierung des erwachsenen Charakters erfolgen könne. Blos (1967, 1979) beschrieb die Regression der Adoleszenz mit ihren spezifischen Eigenschaften als eine Regression im Dienste der Entwicklung und griff damit Kris’ Formulierung der Regression im Dienste des Ichs auf. Blos (1967) erklärte: „Die eigentümlichste und einzigartige Qualität der Adoleszenz ist ihre Fähigkeit, mit einer Leichtigkeit zwischen regressivem und progressivem Bewusstsein zu oszillieren, die in keiner anderen Phase des menschlichen Lebens ihresgleichen findet. Dies könnte die bemerkenswerten kreativen Leistungen dieser bestimmten Lebensphase erklären“ (S. 178). Blos (1967) erklärt, dass Jugendliche durch Trieb- und Ich-Regression frühere Konflikte und Traumata erneut erleben, ihnen aber nun mit erheblich erweiterten Ich- Fähigkeiten, aber ohne die Unterstützung durch das elterliche Ich, entgegentreten. In den meisten Fällen lassen die Ich-Fähigkeiten die tiefe Regression zu und schützen gleichzeitig vor einer fatalen Regression auf die undifferenzierte Stufe der Psychose. Die notwendige Regression reaktiviert frühe Traumata und ein Agieren früher, unbewältigt gebliebener präödipaler und ödipaler Konflikte sowie die damit verbundenen narzisstischen Verwicklungen (Blos 1972). Ein wachsendes Verständnis der frühen Objektbeziehungen , das zuerst in den Schriften von Hartmann (1939/1960) und René Spitz (1945, 1946) auffällt, und vor allem ein Verständnis der Bedeutung, die der Mutter für die Ich-Entwicklung zukommt (Mahler, Pine und Bergman 1975; Jacobson 1964), ging ebenfalls aus der Beschäftigung der psychoanalytischen Ich-Psychologie mit Fragen der Anpassung hervor. In den Vereinigten Staaten untersuchte, beschrieb und konzipierte man Details

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