Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Einheit, die sie im Moment der Sitzung bilden, und das sich von Grund auf unterscheidet von dem, was jeder von ihnen in getrenntem Zustand ist“ (S. 755).

III. B. Spezifische Entwicklungen in Europa

III. Ba. Intersubjektivität in Gegenübertragung und projektiver Identifizierung Ein speziell relationaler Trend wird in der erweiterten Bedeutung erkennbar, die das Gegenübertragungskonzept und das Konzept der projektiven Identifizierung im Laufe vieler Jahrzehnte annahmen. Seit Paula Heimanns richtungsweisendem Beitrag (Heimann 1950) betrachtete man die Gegenübertragung nicht länger ausschließlich als eine auf die unbewussten Konflikte des Analytikers zurückzuführende Erschwernis des analytischen Prozesses, sondern in erster Linie als ein Instrument, um die mentalen Prozesse des Patienten zu verstehen. Was die projektive Identifizierung betrifft, so wurde sie ursprünglich als eine aggressive Maßnahme betrachtet, mittels deren sich der Patient von unerwünschten Erfahrungen befreit, indem er sie in ein Objekt projiziert und sie in ihm kontrolliert (Klein 1946). Bion entwickelte das Konzept der projektiven Identifizierung weiter, indem er den Kommunikationsaspekt betonte. Er unterscheidet zwischen „normaler“ und „exzessiver“ projektiver Identifizierung: „Ohne die Grenzen, innerhalb deren Normalität liegt, zu definieren, gehe ich davon aus, dass es ein normales Maß an projektiver Identifizierung gibt und dass dies in Verbindung mit introjektiven Identifizierungsvorgängen die Grundlage darstellt, auf der die normale Entwicklung beruht“ (Bion 2013 [1919], S. 116). Dieser gutartige Zyklus aus projektiven und introjektiven Identifizierungen kann gestört werden, z.B. durch die Unfähigkeit der Mutter, die projektiven Identifizierungen des Säuglings anzunehmen und zu verstehen, oder aber durch eine Frustrationsintoleranz des Kindes oder seinen Neid. In beiden Fällen sind verzweifelte, „exzessive“ projektive Identifizierungen des Kindes die Folge (siehe auch den Eintrag CONTAINMENT: CONTAINER-CONTAINED). Seither wird das Konzept vorwiegend zur Beschreibung eines spezifischen klinischen Vorgangs interpersonalen Charakters benutzt: Der Patient stößt Teile seines Selbst aus, projiziert sie in den Analytiker und veranlasst ihn auf diese Weise, sich am Projektionsprozess zu beteiligen. Ebendieser Aspekt – dass der Analytiker teilhat und seine eigene Subjektivität einbringt – rückt in den Vordergrund, mit anderen Worten: Während das Konzept der projektiven Identifizierung anfangs als ein „Eine-Person“-Bezugsrahmen verstanden wurde, näherte seine Bedeutung sich im Laufe der Zeit immer mehr einem „Zwei- Personen“-Bezugsrahmen an. Dies ist der Grund, weshalb das Konzept auch

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