Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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des adaptiven Ich-Funktionierens. Darüber hinaus bahnten diese Studien den Weg zum Verständnis von Beeinträchtigungen der Ich-Entwicklung, deren Kenntnis das Verständnis der Pathologie und Behandlung schwerer Charakterstörungen tiefgreifend beeinflusste. In diesem erweiterten Anwendungsbereich ist das integrative Denken Hans Loewalds (1960, 1962, 1974) und, auf andere Weise, Otto F. Kernbergs besonders relevant. Einen zeitgenössischen Anschluss an Eriksons Brückenschlag zwischen den individuellen und den kulturell-sozialen Aspekten der Entwicklung und der Rolle der Kultur für die Ich-Entwicklung bilden feminstische und Gendertheorien sowie die Auseinandersetzung mit Rassenfragen (Chodorow 2004, 1992; Leary 2000; Fogel 2006; Kulish und Holtzman 2003; Balsam 2013). Man kann die moderne freudianische Weiterentwicklung des Konzepts der Entwicklungstransformation auch als eine spezifische Konzeptualisierung innerhalb der ich-psychologischen Entwicklungspsychologie betrachten. Historisch gesehen, baut sie auf Studien über die psychosexuelle (Freud 1905) und die psychosoziale (Erikson 1950) Entwicklung auf und berücksichtigt Freuds Umwandlung des Lust- Ichs in ein Real-Ich (1911b), die Neuschrift von Erinnerungen und den Bedeutungswandel durch die Nachträglichkeit (1950c [1895], 1918b), die Umwandlung traumatischer Angst in Signalangst (1926d) und Eriksons altersspezifische Krisen (1950, 1956, 1984). Sie beschreibt u.a. embryologische Konzepte der Epigenese (sukzessive Bildung vollständig neuer Strukturen) der Beziehungen des Selbst zu Anderen im Laufe des gesamten Lebens sowie Anna Freuds (1963) Entwicklungslinien. Ein Beispiel für die zweite Generation der Studien über Entwicklungstransformationen der Triebe und Affektivität war der Bereich der Tranformation traumatischer Angst in Signalangst. Dieser Ansatz, dem Max Schur (1955) den Weg bereitete, der dann von einer Reihe weiterer Autoren eingeschlagen wurde (Schmaele 1964; Krystal 1974, 1985), postuliert, dass Affektvorläufer epigenetische Entwicklungstransformationen durchlaufen , die u.a. die Entsomatisierung, Differenzierung und Verbalisierung betreffen. Auf diese Weise können Affekte schließlich als Signale benutzt werden . Ende des 20. Jahrhunderts untersuchten Jack Novick (1999) und Kerry K. Novick und Jack Novick (1991, 1992, 1994, 2001) die facettenreiche Beziehung zwischen Trauma, Erinnerung und Nachträglichkeit mit Blick auf die postödipalen Entwicklungen der Latenz und Adoleszenz, die jeweils etwas Unverwechselbares entstehen lassen, das u.U. frühere Schwierigkeiten wettmachen oder zuvor latenten Schwierigkeiten eine traumatische Intensität verleihen kann (J. Novick und K. K. Novick 2001). Den beiden Autoren zufolge beschreibt das Konzept der Entwicklungstransformation phasenspezifische Veränderungen früher Erinnerungen und bildet so einen Kontrapunkt zu der Auffassung, dass die frühen Erinnerungen

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