Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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außerhalb des kleinianischen Milieus, aus dem es hervorging, so erfolgreich wurde. Dem post-kleinianischen Verständnis der projektiven Identifizierung kommt das 1976 von Joseph Sandler formulierte Konzept der Rollenresponsivität sehr nahe. Sandler war ein hochangesehener Vertreter der Anna-Freudianischen Tradition (Malberg & Raphael-Leff 2012), der die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Verhalten des Analytikers lenkte, das man „als einen Kompromiss zwischen seinen eigenen Tendenzen oder Neigungen und der Rollenbeziehung ansehen kann, die der Patient unbewusst herzustellen versucht“ (Sandler 1976, S. 47). Nicht nur die Bedeutungserweiterung, die das Gegenübertragungskonzept und die projektive Identifizierung erfuhren, trug zur relationalen Wende in der europäischen Psychoanalyse ein. Wichtig war auch der Einfluss der nordamerikanischen relationalen Psychoanalyse. Aus der Kombination von Elementen der Ich-Psychologie, der Selbstpsychologie und des Interpersonalismus gingen Denkschulen hervor, die ihrem Wesen nach relational waren und als „Konstruktivismus“, „Intersubjektivismus“, „postmoderne Perspektive“ u.a.m. bezeichnet wurden. An der Schnittstelle dieser konzeptuellen und klinischen relationalen Fäden stand das Konzept des Enactment (siehe den Eintrag ENACTMENT), das auf beiden Seiten des Atlantik, in den USA ebenso wie in Europa, Verbreitung fand (Bohleber et al. 2013 [2013]). Eine spezifischere Bedeutung erhielt der Begriff Intersubjektivität nach und nach, als man dem Konzept des Subjekts in der klinischen Begegnung wachsende Bedeutung beimaß. Man verstand die Funktion des Analytikers nun weniger als die eines neutralen, objektiven Beobachters des analytischen Geschehens und eines neutralen Objekts von Übertragungsphänomenen, sondern begann, immer mehr eine Person in ihm zu sehen, die am Interaktionsgeschehen teilnimmt, sich mit ihren persönlichen Eigenschaften einbringt und ihre eigene, subjektive Haltung nutzt, um die unbewusste Dynamik des Patienten zu verstehen (Ponsi 1997). Das klassische, einseitige Bild vom neutralen Analytiker, der nur hin und wieder durch unerwünschte Gegenübertragungsreaktionen beeinträchtigt wird, wurde durch ein facettenreiches Bild ersetzt, das seiner Erfahrung einschließlich des Verstehens seiner Gegenübertragung und der Ursprünge seiner Subjektivität und dessen, was sie prägte, Rechnung trägt. Begriffe wie Subjektivität oder Intersubjektivität beleuchten die Neuheit und Einzigartigkeit der analytischen Begegnung: Indem das, was durch die Muster von Übertragung- Gegenübertragung vorgegeben wird, in den Hintergrund rückt, erhält das kreative Potential der analytischen Erfahrung größeres Gewicht (Turillazzi Manfredi & Ponsi 1999).

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