Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III. Bb. Intersubjektivität und Säuglingsforschung

Untersuchungen aus der Säuglingsforschung und bindungstheoretische Studien, die bestätigten, dass sich die Persönlichkeit in einer intersubjektiven Matrix des „Selbst-mit-der-Anderen“ herausbildet, die sowohl die innere als auch die äußere Welt einbezieht (Ammaniti & Trentini 2009; Cortina & Liotti 2010; Fonagy & Target 2007; Stern 1985), trugen zur Untermauerung eines konzeptuellen Rahmens bei, in dem die Interaktion zweier Subjekte die notwendige Voraussetzung sowohl für die psychische Entwicklung als auch für die psychologische Behandlung darstellt: Eine andere Person, eine Bezugsperson oder ein Analytiker, wird benötigt, um sich selbst erleben und entwickeln zu können oder, anders ausgedrückt, um ein Subjekt zu werden.

III.Bc. Intersubjektivität – Feldtheorie

Einer der wichtigsten europäischen Repräsentanten der Feldtheorie ist Antonino Ferro , der die Feldtheorie mit einem bioninianischen konzeptuellen Bezugsrahmen verbindet. Ferro und sein Co-Autor Roberto Basile verstehen das Feld als einen Treffpunkt der multiplen Charaktere des Patienten wie auch des Analytikers, die allesamt, quasi wie auf der Bühne, ein Eigenleben führen (Ferro & Basile 2008). Die Transformationen, die die Charaktere in den Sitzungsnarrativen erfahren, werden als Widerspiegelung der Transformationen des analytischen Feldes gesehen. Ferro (2009) und Giuseppe Civitarese betonen, wie der Analytiker seine eigene Psyche und seinen Körper im Zustand der Reverie als Wegweiser zu den unbewussten Prozessen benutzt, die sich im Patienten und zwischen Analytiker und Patient abspielen (Civitarese 2008; Ferro und Civitarese 2013). Ferros Konzept des bipersonalen Feldes (Ferro 2003 [1999]), einer aus den konvergierenden subjektiven Feldern des Analytikers und des Patienten hervorgehenden Struktur, ist eine radikale Möglichkeit, Intersubjektivität zu denken. Was die Interaktion der beiden Subjektivitäten hervorbringt, ist etwas Neues und mehr als die Summe der beiden individuellen Felder, die von der neuen Struktur eingenommen werden. „Insofern das bi-personale Feld zu dem gegenwärtigen ‚Hier und Jetzt‘ gehört, das von den beiden Subjekten, die die psychoanalytische Reise unternehmen, hervorgebracht wird, bleibt die zeitliche Dimension der Individuen unberücksichtigt, da man eine Art horizontaler Modellbildung der Intersubjektivität, eine Art horizontaler Konzeption des Unbewussten, skizziert“ (Bohleber 2013, S. 812).

III. Bd. Intersubjektivität – Subjektivierung, Intersubjektivierung

In einem anderen Bezugsrahmen wird Intersubjektivität als ein Prozess

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