Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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verstanden, der sich im Laufe der Zeit abspult. Der zeitlichen Dimension trägt das Konzept der „Subjektivierung“ Rechnung. Der Begriff wurde 1991 von Raymond Cahn eingeführt, der damit den Prozess der Subjekt-Werdung bezeichnete. Dieser Prozess ist aufgrund der entscheidenden Rolle, die der Objektumwelt von Anfang an zukommt, seinem Wesen nach intersubjektiv (Cahn 1991, 1997, 2006). In den vergangenen Jahren erlebte diese Terminologie – Subjektwerdung, Subjektivierung, Intersubjektivierung – einen Aufschwung und ersetzte die bis dato zur Beschreibung der Selbstentwicklung übliche französische (Wainrib 2012) und italienische (Bastianini 2014; Ruggiero 2015) psychoanalytische Terminologie. III. Be. Intersubjektivität – das Subjekt und die Person Diese unterschiedlichen Verwendungen von Begriffen, die sich von „Subjekt“ herleiten, machen eine detaillierte Klärung der Bedeutung erforderlich. Dies ist der Grund, weshalb Stefano Bolognini die unterschiedlichen Bedeutungen von „interpsychisch“, „intersubjektiv“ und „interpersonal“ beleuchtet. Bolognini (2008; 2014a; 2014b; 2015a; 2015b; 2016) unterscheidet das „Interpsychische“ vom „Intersubjektiven“ und vom „Interpersonalen“: diese drei Termini überschneiden sich gelegentlich und werden austauschbar benutzt, haben aber seiner Ansicht nach unterschiedliche Bedeutungen. Er beschreibt das „Subjekt“ als einen Menschen mit hinreichend kohärentem Selbstkontakt, der seine Emotionen mit einem sicheren Gefühl der Selbstkontinuität wahrzunehmen vermag. Die Wahrnehmung eines kohärenten Selbst kann hinreichend intensiv sein, selbst wenn der Separationsprozess nicht abgeschlossen wurde und die persönlichen Grenzen kaum definiert sind (z.B. sind viele Künstler außerordentlich subjektiv trotz einer – zumindest partiell – kaum ausgeprägten Definition ihrer Grenzen als Personen). Eine „Person“ ist ein Mensch mit gut definierter Identität, mit sehr klaren körperlichen und psychischen Grenzen in der Selbstrepräsentation und mit einer klaren psychischen Unterscheidung von Anderen. Ein relevanter Teil ihrer zufriedenstellend differenzierten mentalen Aktivität kann sich auf bewusster Ebene entwickeln, freilich mitsamt all den Schwierigkeiten und Abwehrmaßnahmen, die es psychoanalytisch zu erforschen gilt. Gleichwohl kann man eine Person als eine solche definieren, selbst wenn der Kontakt zu ihrer Subjektivität nur dürftig ist, wie in manchen pathologischen Fällen beschrieben. Aus diesem Grund ist „ein Subjekt sein“ nicht immer gleichbedeutend mit „eine Person“ sein und umgekehrt: Das eine schließt das andere nicht aus, garantiert es aber auch nicht. Bolognini zufolge ist das Interpsychische eine gelegentliche, natürliche Form

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