Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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des gemeinsamen Erlebens und Arbeitens, die zwei Individuen miteinander verbindet. Es ist also kein struktureller, stabiler Zustand und verweist auch nicht zwangsläufig auf die Präsenz einer Person oder eines Subjekts. Prototypisch betrachtet, gibt es zu Beginn, wenn eine Mutter ihr Baby stillt, keinen ausgewiesenen persönlichen „Status“: eine natürliche Kooperation zwischen Mund und Brustwarze ermöglicht der Mutter und dem Baby die „Zusammenarbeit“ (Segal 1994) in einem System fusionaler Kooperation. Die beiden können durch ihre spezialisierten Organe, die in die innere Welt hinein- und aus ihr herausführen, innere Inhalte (körperlicher und emotionaler Natur) austauschen (Bolognini 2008). Diese körperlichen Beziehungen, die zunächst auf einem niedrigen Mentalisierungsniveau erlebt werden, sich aber tief einprägen, sind als intrapsychische Äquivalente vorwiegend auf einer vorbewussten Ebene aktiv (wie es z.B. bei kreativen Prozessen zumeist der Fall ist); unter Umständen, aber nicht immer, können sie auch bewusst und umfassend psychisch repräsentiert werden. In dem interpsychischen Austausch gibt es keine Verwirrung : ein prä- subjektiver und ko-subjektiver Bereich der Sensationen, Gefühle und Gedanken kann miteinander geteilt werden, während die individuellen psychischen Funktionsweisen auf anderen Ebenen mit ununterbrochener Kontinuität aufrechterhalten bleiben – ein Zustand hinreichend guter Getrenntheit , der nicht ständig überprüft werden muss (Guss Teicholz 1999).

III. C. Intersubjektivität in der französischen Psychoanalyse: Europa und Nordamerika

III. Ca . Einführung Die französische psychoanalytische Tradition ist nicht monolithisch. Doch auch wenn französische Psychoanalytiker unterschiedliche psychoanalytische Affiliationen pflegen, lassen sich Faktoren identifizieren, die für die Spezifität der postfreudianischen französischen Psychoanalyse spezifisch sind. Für das Verständnis der Reaktionen der französischen Psychoanalyse auf die US-amerikanische intersubjektive Orientierung sind dabei neben der Beziehung zu Freuds Schriften und den französischen Freud-Übersetzungen besonders wichtig: Lacans Einfluss, die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Psychologie und die Betonung der Sprache. Diese Faktoren hängen miteinander zusammen und verstärken sich gegenseitig. Darüber hinaus sind sie genauso wie auch in anderen Ländern durch soziologische und kulturelle Gegebenheiten determiniert. Politische Traditionen, das Recht einschl. der Familiengesetzgebung, Erziehungstraditionen, Genderrollen und Genderbeziehungen, der ökonomische und soziale Status von Psychoanalysepatienten und Psychoanalytikern, aber auch die Ausbildung und die Ausbildungsfelder der Behandler lassen bestimmte Konzepte oder Elemente in den Vordergrund treten und

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