Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Die psychoanalytische Literatur, die sich speziell mit der Bedeutsamkeit des Berührungssinnes beschäftigt, ist dünn gesät. Gleichwohl ist die Berührung in Freuds Formulierungen über die Träume, über das Lust-Unlust-Prinzip, die Selbsterhaltungs- und die Ich-Triebe (die in der späteren Theorie zu Ich-Funktionen wurden) enthalten. Lediglich indirekt nahm Freud (1923b) auf Berührung Bezug, als er erklärte: „Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche “ (S. 253). Merleau-Ponty (1959/ 2004), Philosoph und Kinderpsychologe, hat in seinen postum erschienenen Arbeitsnotizen unter dem Titel “Die Verflechtung – der Chiasmus” die doppelte Wahrnehmung – Berühren und Berührt-Werden - der Berührung der eigenen Hände beschrieben. Sich selbst anzufassen erzeugt eine andere Wahrnehmung, als wenn man einen Anderen anfasst. Der Tastsinn ist unabdingbare Voraussetzung für das Kennenlernen der Welt. Seine Bedeutsamkeit ist auch in Donald Winnicotts (1953) Konzept des Übergangsobjekts und in John Bowlbys (1969) Beschreibung des sich an die Mutter klammernden Kindes enthalten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch Jean Piagets (1954/1974) Studie Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde . Unter Verweis auf den von Geburt an funktionierenden Greifreflex erklärte Piaget, dass das Greifen von Objekten einschließlich Körperteilen in Koordination mit dem Gesichtssinn die Entwicklung der Objektpermanenz und die Kenntnis der äußeren Realität fördert. Das Affenexperiment von Harry Harlow und Margaret Harlow (1965) zeigte die Bedeutung sanfter, weicher Berührungen für die Entwicklung von Primaten auf. René Spitz (1965) erklärte, dass für den sich entwickelnden Säugling nicht allein die Ernährung unverzichtbar ist, sondern auch das Berührt- und Gehaltenwerden. Säugling und Mutter konstruieren gemeinsam einen Urdialog. Esther Bick (1968) untersuchte die Bedeutsamkeit von Berührungen, als sie beschrieb, wie der Hautkontakt des an der Brust trinkenden oder ans Gesicht der Mutter geschmiegten Säuglings dessen auftauchende Objektbeziehungen fördert. Didier Anzieu (1985) formulierte das Konzept des “Haut-Ichs”. Dieses entwickelt sich in der Dyade unter dem Einfluss des Hautkontakts von Baby und Mutter sowie der Stimme und des Atems der Mutter als eine Art Container oder als “psychische Hülle” und wird zu einer narzisstischen Grundlage des Wohlbefindens. Das Haut-Ich umhüllt das Selbst, hat Verbindungen zu Ich-Funktionen, zum Selbst, zur Identität, zu Objektbeziehungen und dient als schützende Grenze oder Membran (Anzieu 1989). Harold Blum (2019) erläuterte die Bedeutsamkeit des Berührens und Haltens für die Entwicklung der Selbst- und Objektkonstanz . Die sensorische und priopriozeptive Wahrnehmung von Berührung ist für das Auftauchen des Körper-Ichs mit seiner Oberfläche, insbesondere der Haut, unverzichtbar (Chinn et al. 2019). Berührungen sind unabdingbar für die Differenzierung zwischen dem, was sich innerhalb bzw. außerhalb der Körperoberfläche befindet, sowie für die Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Die Körperoberfläche ist die Haut, und Berührungen hängen mit Affekten und Emotionen zusammen. Die emotionalen Aspekte der Berührung werden durch Massage, durch Wärme, Kälte, Kompression

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