Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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oder Distension erlebt. Die Haut nimmt auch dysphorische Reize wahr, zum Beispiel allzu starke Hitze, Kälte, Kompression, Abschürfung, Schneiden, Jucken. Solche dysphorischen Wahrnehmungen können dem Selbstschutz dienen, zum Beispiel dem Vermeiden von Verbrennungen. Berühren oder Streicheln der erogenen Zonen hängt mit erotischen Phantasien und mit Erregung zusammen, mit Masturbation und Geschlechtsverkehr. Jeder Aspekt des Lebens besitzt das Potenzial, bewusst oder unbewusst alle anderen zu berühren, und die allerersten mütterlichen Liebkosungen prägen sich der Entstehung der psychischen Struktur, dem Charakter und der Persönlichkeit, unauslöschlich ein. Während der in den Vereinigten Staaten der 1980er und 1990er Jahre erstarkte postmoderne Einfluss den biologisch basierten Konzepten Freuds und dem konkreten biologischen Essentialismus und Phallozentrismus der Jahre vor 1970 aus vielen Gründen zuwiderlief, haben der Feminismus und die modernen Genderstudies das Interesse am Körper-Ich neubelebt. Vertreterinnen und Vertreter dieses Trends stellten den phallischen Monismus in Sonderheften des „American Journal of Psychoanalysis“ 1976 und 1996 infrage; 2000 erschien die erste Ausgabe der neuen Zeitschrift „Studies in Gender and Sexuality“; insgesamt gesehen steigt die Anzahl von Publikationen über die dynamische Bedeutung des Körpers (Raphael-Leff 2001, 2014; Balsam 2012, 2013, 2015; Lemma 2014; Diamond 2013). Rosemary Balsams Buch “Women’s Bodies in Psychoanalysis” (2012) ist eine tiefenpsychologische Untersuchung der Gründe der Marginalisierung des weiblichen Körpers in der Psychoanalyse. Im Zentrum stehen weibliche Probleme und Schmerzen und die Frage, wie Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker den weiblichen Körper mit Blick auf Lust, Kraft, Rivalität und Aggression neudenken können . Balsam zeichnet die psychische Entwicklung ausgehend vom weiblichen biologischen Körper nach (unter Berücksichtigung weiblicher Gendervarianten und sexueller Präferenzen einschließlich des „verschwundenen schwangeren Körpers“) und zeigt, dass die ins Alltagsleben eingebundenen Bilder des Körpers als entscheidende Hinweisgeber für die Geschlechtermuster dienen. Dieser Zugang bewahrt die postmodernen Genderstudies davor, die Trennung zwischen dem Körperlichen und dem Psychischen fortzusetzen. Auf andere Weise haben Vertreterinnen der relationalen Schule (Harris 2000) die psychoanalytische Aufmerksamkeit erneut auf das Leib-Seele-Dilemma gelenkt, und zwar unter Verweis auf Konzepte wie „Gender als soft assembly“ und „Embodiment“ oder „Verkörperlichung“. Die modernen Neurowissenschaften (Emde 1991; Solms 2003; Damasio 2010) haben enormen Schwung in die kritische Überprüfung freudianischer meta- theoretischer Postulate gebracht und den Körper abermals in Beziehung zum Ich ins Zentrum gerückt.

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