Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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für eine bestimmte psychoanalytische Kultur zentral werden. Diese Faktoren mögen bei der Rezeption der amerikanischen intersubjektiven Orientierung durch die französische Psychoanalyse durchaus eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Die philosophischen Einflüsse, kulturellen Bedingungen und unterschiedlichen Übersetzungen des Freud’schen Werkes, die die Psychoanalyse in den französischsprachigen Ländern prägten, sind andere als in den Englisch sprechenden Ländern. Nach Meinung zahlreicher französischer Psychoanalytiker spielte die Freud-Übersetzung ins Englische eine Rolle dabei, die Psychoanalyse an die Psychologie und die Kognitionswissenschaften anzunähern (Tessier 2005). Die Übersetzungen ins Französische waren weniger einheitlich, bis Laplanche in den 1980er Jahren die Herausgabe der OCFP in Angriff nahm (Laplanche 1989a), trugen aber durch lexikalische und semantische Entscheidungen erheblich zu spezifischen Richtungen bei. Zum Beispiel wurde das deutsche Wort Seele mit „mind“ ins Englische übersetzt, in Frankreich hingegen mit „Psychè“ – was Laplanche kritisierte. Er bestand auf dem Wort â me, das den philosophischen Lektürekontext veränderte. Das Wort Vorstellung wurde, den Gepflogenheiten entsprechend, mit „idea“ ins Englische übersetzt, was sich aber erheblich von der französischen Übersetzung, nämlich „représentation“ unterscheidet. Ein weiteres Beispiel wäre die Verdrängung , im Englischen „repression“ und im Französischen „refoulement“. Man beachte die soziale, ja sogar die strafrechtliche Konnotation von „repression“, während die französische Übersetzung die hydraulische Metapher in den Sinn ruft. Im Einklang damit weisen die Franzosen auch darauf hin, dass bei Beschreibungen des psychischen Funktionierens in der englischsprachigen Psychoanalyse – mit Ausnahme der Ich-Psychologie – „splitting“ an die Stelle von „repression“ getreten ist (Tessier 2005), was für die französische Psychoanalyse nicht gilt. Im Kontext der unterschiedlichen Beziehungen zu Freuds Schriften betont die französische Psychoanalyse die Bedeutung von Sprache, Repräsentation [representation] und Darstellbarkeit [representability] und ihre Implikationen für das Verständnis der Sexualität, der Triebe und des Unbewussten. Anknüpfend an die Freud’sche Metapsychologie des dynamischen Unbewussten, der infantilen Sexualität und der Triebtheorie (Freud 1900, 1905, 1914, 1915), untersucht die französische intersubjektivistische Psychoanalyse die Dimensionen der Andersheit innen und außen, die das Wesen der Existenz ausmacht, und erweitert das Konzept der Nachträglichkeit , des Après-coup. Während die allgemeine moderne französische psychoanalytische Theoriebildung den engen Zusammenhang zwischen dem Unbewusstem und dem Trieb postuliert, ist ein wichtiges Thema die präzise Untersuchung der „Konstruktion“ des Triebes auf der Grundlage basaler physiologischer Reflexe. Der Trieb wird als wandelbar betrachtet, als ständig im Übergang begriffen, die gesamte geistige Aktivität erfüllend und in bestimmten intersubjektiven Erfahrungen neu entstehend. Zu den unverwechselbaren Merkmalen der französischen Psychoanalyse zählen: 1. Eine Anerkennung der Nützlichkeit der topischen Theorie (Lacan 1966)

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