Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Intersubjektivität fokussieren (Atwood, Orange & Stolorow 2002) , profitieren. Diese Verfahren arbeiten in der Behandlung von Patienten, die unter Störungen des Selbstbildes leiden, mit Konzepten wie Realitätsprüfung, Wunsch und Abwehraktivität. Schwerkranke Patienten mit weniger gestörten Integrationsfunktionen und weniger beeinträchtigter Realitätsprüfung – sogenannte „beinahe psychotische“ (Doidge 2007) Patienten – können von der Technik der „Rekonstruktion nach oben“ (Loewenstein 1957) oder von einer „Übertragungsfokussierten Psychotherapie“ (Kernberg 2008) profitieren, die beide mit einem speziell modifizierten, dynamischen und deutenden Zugang arbeiten. Andere Autoren, die die Psychose als Resultat pathogener projektiver und introjektiver Mechanismen betrachten, behandeln psychotische Patienten mit analytisch orientierter Psychotherapie (Garfield 2011), die auf die Verbesserung des autonomen Ich-Funktionierens einschließlich Realitätsprüfung und Anpassung zielt. Bei geringfügiger Schädigung oder verzögerter Entwicklung der Ich- Funktionen besteht die Methode der Wahl in der psychoanalytischen Deutungstechnik, die heute nicht lediglich Deutungen der unbewussten konflikthaften bzw. kompromissbildenden Aktivität unterschiedlicher Ebenen betrifft, sondern auch eine sensible Abstimmung auf das Spektrum der nuancierten unbewussten Ich- Aktivität – und deren Deutung -, die an der Konstruktion multipler, auf unterschiedliche Lebensphasen des Patienten zurückgehender Übertragungskonfigurationen beteiligt ist (Rangell 1969b), die im psychoanalytischen Setting, aber auch in den Beziehungen des Patienten außerhalb der Behandlung auftauchen (Blum 1983a). Eine solche nuancierte Beurteilung des unbewussten Ich-Funktionierens und der Ich-Stärke ermöglicht eine individualisierte Modifizierung der Technik im Falle von Patienten mit einer oder mehreren beeinträchtigten Ich-Fähigkeiten. Zu denken ist beispielsweise an Patienten, deren unzulängliche Impulskontrolle (z.B. Alkoholmissbrauch) zu Fehlurteilen (gestörte Ich-Funktion) führt. Die Einschätzung der Ätiologie solcher Störungen der Ich-Aktivität erleichtert die Wahl der individualisierten technischen Modifizierung. Die Behandlung von Defiziten der Impulskontrolle oder von Defiziten der Urteilsfähigkeit unterscheidet sich von der Behandlung fehlangepasster Abwehrmechanismen und Kompromissbildungen, wenngleich das Problem dem äußeren Anschein nach fast identisch aussehen kann. Eine Technik, um zwischen den Ursachen von Störungen des Ich- Funktionierens unterscheiden zu können, ist eine „Versuchsdeutung“ einer mutmaßlich defensiven Hemmung, die zu dem Problem geführt hat, das möglicherweise mit den Abwehrmechanismen der Bestrafungsprovokation und der Verleugnung einer Realität zusammenhängt. Bei den meisten neurotischen Patienten sollte die Erläuterung dieser Abwehrelemente zu einer Übereinstimmung mit dem Analytiker führen, zur Aufdeckung von neuem Material, Erinnerung eines Traumes oder einer Veränderung der Abwehrkonfiguration – die zu einer besser angepassten Abwehr führen kann, aber nicht muss (Waelder 1960; Brenner, Reporter 1975;

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