Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Schlesinger 1995). Solche Reaktionen sind gewöhnlich nicht von Patienten zu erwarten, bei denen die Beeinträchtigung des Ich-Funktionierens keinen Abwehrzweck erfüllt, sondern auf ein Defizit zurückzuführen ist. In diesen Fällen sind verschiedene, das Ich und das Über-Ich stützende Maßnahmen erforderlich (z.B. eine gründliche Betrachtung der verfügbaren Alternativen und ihrer Konsequenzen, die Vereinbarung schützender Grenzen usw.). Bei der Formulierung einer Intervention kann Hartmanns (1951/ 1972) schon erwähntes „Prinzip des mehrfachen Appells“ hilfreich sein: Nachdem der Analytiker zuerst den unbewussten Konflikt des Patienten aufgedeckt hat (Blackman 2003), klärt er spezifische Elemente seiner pathologischen Kompromissbildung, indem er Licht wirft auf gehemmte Funktionen und auf Abwehroperationen, die zur Kontrolle der durch Konflikte zwischen Triebwünschen, Realität und Selbstbestrafungstendenzen erzeugten Affekte aktiviert werden. Dahinter steht die Überlegung, dass bei relativ intakten autonomen Ich-Funktionen – insbesondere Abstraktions- und Integrationsfähigkeiten, Realitätsprüfung und Selbsterhaltungsfähigkeit – ein neues Verständnis von zuvor unbewussten Elementen der Kompromissbildung infolge einer Neuausrichtung des inneren Konfliktmilieus zu dem „Resonanzeffekt“ durch angrenzende psychische Strukturen und Prozesse und zu einer Neukalibrierung der Triebbesetzungen, der Objektbeziehungen und zur Symptomlinderung führen wird. Ich-psychologisch orientierte Interventionen sollen „intersystemische Konflikte“ (zwischen den Systemen Ich, Über-Ich und Es) lösen – Beispiele wären etwa Schüchternheit und Esssucht zur Linderung von Schamgefühlen wegen Masturbationsphantasien – sowie „intrasystemische“ Defizite oder Konflikte, etwa das zwanghafte Verletzen von Geboten oder Vorschriften und eine schlechte Urteilsfähigkeit wider besseres „Wissen“. Der Analytiker wird versuchen, die Störung „im“ Über-Ich und die Ursprünge der widersprüchlichen Identifizierungen zu verstehen. Möglicherweise zeigt sich, dass das Über-Ich unintegriert ist (Ticho 1972); auch eine Abwehr, die Schuldgefühle durch rebellisches Verhalten auszulöschen versucht, nämlich das Ungeschehenmachen, kann vorherrschen. Bei manchen Patienten kann eine Technik, die Licht auf die gegen strenges Über-Ich-Funktionieren gerichteten Abwehroperationen wirft, z.B. eine „Konfrontation“ (Compton, Reporter 1975), zur Erklärung des Ungeschehenmachens (eines Verstoßes gegen die eigenen Werte), der Hemmung der Urteilskraft und/oder des Provozierens einer Bestrafung führen (Freud 1916-17f). Patienten mit Über-Ich-Defiziten („antisoziale Persönlichkeiten“) und einer nur minimalen Fähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden, können hingegen unbehandelbar (Blackman & Dring 2016) oder nur eingeschränkt und mit besonderen Vorkehrungen behandelbar sein (Kernberg 1992, 2007). Die heutige Ich-Psychologie widmet sich Konflikten und/oder spezifischen Entwicklungsdefiziten der Ich- und Über-Ich-Funktionen und ermöglicht auf diese Weise eine Individualisierung der Diagnose und der Behandlung. Mannigfaltige Feedback-Schleifen werden dabei ins klinische Setting integriert.

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