Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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gemeinsamen Grundlage . Darüber hinaus ist diese Arbeit ein entscheidender Beitrag zur Hervorbringung psychoanalytischen Denkens. Die Transformation von Worten als Handlungen in symbolisches, repräsentationales Denken hilft dem Analysanden, eine psychoanalytische Denkweise als Erweiterung seiner Fähigkeit, mit Gedanken zu spielen, zu entwickeln; diese aber setzt voraus, dass die Gedanken repräsentiert werden können. Das heißt, statt in erster Linie nach vergrabenen Erinnerungen zu suchen, bemühen wir uns, das Unterrepräsentierte in Ideen zu transformieren, die repräsentiert werden können. Die Entwicklung verläuft von der Aufhebung der Verdrängung zur Transformation , vom Präkonzeptuellen (konkretistischen) und Präoperationalen zum symbolisch Repräsentierten. Bevor also überhaupt irgendeine Bedeutung gedeutet werden kann, müssen der psychische Mechanismus (Konflikt, Abwehr, Selbstheilung, internalisierte Objekte etc.) und der psychische Inhalt verbal auf eine zur Symbolisierung führende Weise repräsentiert werden . Wörter und Gedanken sind effiziente und strukturierende Zeichen dessen, was bezeichnet wird. Zu den maßgeblichen Grundsätzen des Arbeitens in der Übertragung zählt Fred Busch die Bereitschaft und Fähigkeit des Analysanden, die Deutung auf eine emotional bedeutsame Weise zu verstehen, die Übertragung anzuerkennen und ihr Raum zu geben und sie zu klären, statt zu versuchen, etwas mit ihr zu tun. Handelt es sich bei agierten Übertragungen zumeist um Wiederholungen von Phantasien und Erinnerungen, die mit internalisierten Objektbeziehungen zusammenhängen, so heißt dies doch nicht, dass jede Übertragung in diesem Sinn gedeutet werden könnte oder sollte. Seit 1912 vertrat Freud (1912b) zwei Sichtweisen der Übertragung . Heute beruft man sich zumeist auf das erste, enger gefasste Übertragungsverständnis; dem breiter gefassten Verständnis zufolge repräsentiert die analytische Beziehung die Stufe , auf welcher der Patient seine Symptome, Erinnerungen, Träume und aktuellen Erfahrungen reinszeniert. In diesem Sinn definiert, kann die Übertragung ein psychischer Zustand in der Analyse sein, d.h. nicht lediglich ein Abbild früherer Objektbeziehungen. Heutige Analytiker können erklären, inwiefern der Schutz eines fragilen Selbstzustandes zu einer aggressiven Übertragung führen kann oder wie die Angst zu lieben jemanden dazu bewegt, auf Distanz zu gehen. Gleichwohl scheint Freuds Verständnis der Übertragung als Wiederholung einer früheren Objektbeziehung unsere Sichtweise auch weiterhin zu prägen. Die Übertragung als Resultat eines psychischen Zustands schien als Kausalfaktor in den Hintergrund getreten zu sein. Die Übertragungsäußerung muss vom Analytiker zuerst empathisch erfasst und dann geklärt werden . Nur durch diese Klärung kann der Analytiker beurteilen, ob die Abwehr dick oder dünn ist. Die Klärung dünner Widerstände in der agierten Übertragung führt zu weiteren Assoziationen und bereichert die Ich- Fähigkeiten. Das Auftauchen dieser Perspektive nähert die Ich-Psychologie bestimmten Aspekten der Arbeit André Greens, Betty Josephs und Nino Ferros – um nur einige wenige Namen zu nennen – an.

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