Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III Bfb. Trauma und posttraumatisches psychisches Funktionieren: „Zero- Prozess“ Es hat lang gedauert, bis das Trauma für die Ich-Psychologie zu einem Thema von zentralem Interesse wurde. Historisch gesehen, waren es drei verschiedene Geschehnisse, die die Notwendigkeit deutlich machten, auf diesem Gebiet zu einem tieferen Verständnis zu gelangen: die im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg verursachten Traumata großen Umfangs, die schweren Traumatisierungen durch den Holocuast und die neuen, unabweisbaren Belege für den Missbrauch von Kindern (vgl. Bergmann & Jucovy 1982; Blum 1986; Bohleber 2007; Kempe, Silverman, Steele et al. 1962; Shengold 2000). In einem Band der IPA Classic Books über „Reconstruction of Trauma“ schrieb Harold Blum (1986): „Ein massives, prolongiertes Trauma unterscheidet sich von dem üblichen Traumakonzept, das einen lähmenden Ich-Schock von kurzer Dauer beschreibt. Die massiven Traumata im Erwachsenenleben sind in ihrer globalen Auswirkung, dem Zusammenbruch bereits bestehender Struktur, mit dem Trauma im Kindesalter vergleichbar, das die Strukturbildung beeinträchtigt oder blockiert. Je höher die Vulnerabilität und je massiver das Trauma, desto tiefgreifender und pervasiver die Strukturschädigung. Die Vulnerabilität ist, was die Entwicklung betrifft, während der präödipalen strukturellen Differenzierung höher als während der postödipalen strukturellen Konsolidierung“ (S. 26). In einem von Sidney Furst (1967a) herausgegebenen Buch diskutierten mehrere Ich-Psychologen die Konzeptualisierung des Traumas und betonten dessen Spezifität und die enger gefasste Definition (A. Freud 1967), die auf eine völlige Überwältigung des Ichs und eine unkontrollierte Regression abhebt, die das Trauma von anderen Situationen des Konflikts oder emotionalen Aufruhrs unterscheiden. Furst (1967b, 1978) beschrieb als Ausgangspunkt des traumatischen Prozesses eine entscheidende Wende, jenseits deren das Ich immer tiefer und tiefer regrediert. Dies geht mit dem Verlust zahlreicher grundlegender Funktionen einher. Anna Freud (1967) wies darauf hin, dass die traumatische Situation und der traumatische Prozess sorgsam zu unterscheiden sind von den Folgen des Traumas. Im Einklang mit den von ihr und anderen Autoren herausgearbeiteten Unterscheidungen haben mehrere Ich-Psychologen betont, dass es wichtig sei, das Trauma als solches zu begreifen, als etwas, das als unabhängiger Faktor mit anderen Entwicklungen, z.B. mit Trauer oder Triebkonflikten, in Interaktion tritt (Blum 2003). Sie betonen auch, dass Traumata in sämtlichen Entwicklungs- und Lebensphasen einschließließlich des Erwachsenenalters von Bedeutung sind (Phillips 1991). Joseph Fernando (2009) ging von der ich-psychologischen Konzipierung des traumatischen Prozesses als unabhängiger Faktor der psychischen Dynamik aus, um mithilfe dieser Differenzierung das Verständnis mehrerer Aspekte zu vertiefen. Er wiederholte erstens ein Argument, das vor ihm schon andere vorgebracht hatten (Yorke and Wiseberg 1976): Während das Trauma zuvor von Freud mit dem Motiv

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