Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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der Urverdrängung, der ersten Phase der Verdrängung, in Verbindung gebracht worden war, ist das Ich zum Zeitpunkt der Traumatisierung in solchem Maß funktionsunfähig, dass eine derart komplexe und koordinierte Abwehr wie die Verdrängung vielleicht gar nicht möglich ist. Das der Urverdrängung zugrunde liegende Motiv ist ein starker, alles beherrschender Affekt. Freud (1926d) hatte erklärt, dass die Überwältigung des Ichs durch die Triebe, also „von innen“, und die Überwältigung „von außen“ gleichwertig seien und die traumatische Situation erzeugten, die die Urverdrängung in Gang setzt. Alltägliche klinische Beobachtungen aber sprechen dagegen: Die Folgen des Durchbruchs des Reizschutzes (z.B. bei nächtlichen Alpträumen oder bei Wutanfällen), der das Ich vor überwältigenden inneren Reizen bewahren soll, unterscheiden sich deutlich vom Durchbruch der Reizschranke, die vor äußeren Gefahren schützen soll. Freud (1920f, 1939a) hatte die Auswirkungen der zweiten Situation beschrieben und auf den Zwang, das Trauma zu wiederholen und gleichzeitig alles zu meiden, was mit ihm zusammenhängt, fokussiert. Er wusste also sehr wohl um diesen Unterschied, trug ihm aber nicht konsequent Rechnung, wenn er Traumata auf einer allgemeineren theoretischen Ebene erörterte. Fernando (2009, 2012a, b) erarbeitete mithilfe der ich-psychologischen Unterscheidung verschiedener Ich-Funktionen ein gründlicheres Verständnis des posttraumatischen mentalen Funktionierens . Im Allgemeinen ging man davon aus, dass posttraumatische Erinnerungen konkretistisch und unsymbolisiert seien. Fernando hingegen stellte fest, dass eine genuine Erfahrung ein bemerkenswertes Maß an Verarbeitung voraussetzt, ein Vergleichen der eintreffenden Sinneswahrnehmung mit Erwartungen und sodann die Konstruktion der Erfahrung. Dies geschieht vor jeglicher Symbolisierung und bevor die Erfahrung an Sprache gebunden wird. Diese primäre Konstruktion des gegenwärtigen Moments wird durch eine Traumatisierung wahrscheinlich zerstört oder zumindest blockiert. Die posttraumatischen Erinnerungen haben die Grundeigenschaft von Erinnerungen, die man behält, verhalten sich aber in anderer Hinsicht, als würden sie sich künftig oder gerade jetzt, in der Gegenwart, ereignen: Sie scheinen jeden Moment bevorzustehen oder tauchen als Flashbacks auf, werden aber nie als Teil der Vergangenheit, mithin als Erinnerung im eigentlichen Sinn, erlebt. Fernando prägte den Begriff „Zero- Prozess“ für diese Form des psychischen Funktionierens, das sich seiner Ansicht sowohl vom Primär- als auch vom Sekundärvorgang unterscheidet. Zum Beispiel weist die „Zeitlosigkeit“ des Zero-Prozesses im Vergleich zu den in unaufhörlicher Bewegung begriffenen, sich aber nie auflösenden Inhalten des Primärvorgangs eine außerordentlich starre Aktiv-inaktiv-Qualität auf. Wenn Richard Kluft (1993) die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) als eine „Multiple-Realität-Störung“ bezeichnet, beschreibt er eine Situation, in der dieser Zero-Prozess das klinische Bild beherrscht. Die Inhalte des Zero-Prozesses wurden noch nicht in reguläre Erinnerungen transformiert, sondern bleiben als ständige Gegenwart erhalten. Diese Überlegungen können das Verständnis nicht nur der Dissoziativen Identitätsstörung erleichtern, sondern Licht auf viele weitere Aspekte des Traumas werfen. Die Wucht der

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