Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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intergenerationellen Transmission beispielsweise wirkt weniger mysteriös, wenn wir begreifen, dass der traumatisierte Mensch in mehreren Realitäten lebt und die Nachkommen auf der emotionalen und unbewussten Ebene lediglich darauf reagieren. Was transmittiert wird, sind nicht Erinnerungen, sonderen Realitäten. Auf der klinischen Ebene leuchten bestimmte technische Innovationen ein. Wenn z.B. eine traumatisierte Patientin sagt, sich könne noch immer nicht glauben, dass das Trauma tatsächlich passiert sei, kann ihre Analytikerin erläutern, dass es daran liegen könne, dass „ihr Trauma noch nicht geschehen“ sei. Es lebt noch in ihrer Zukunft und wartet darauf, zu geschehen. Die Analytikerin hat die Aufgabe, rücksichtsvoll dabei zu helfen, dass diese furchtbare Zukunft eintritt und sodann Teil der Vergangenheit werden kann. III Bg. Interdisziplinäre Studien: Beispiel für Ich-Psychologie & Kunst und Kreativität & Neurowissenschaften Im heutigen freudianischen Diskurs (nicht nur Nordamerikas) erkennt man weithin an, dass die interdisziplinären Verbindungen und Anwendungen und die wechselseitige Befruchtung zwischen der Psychoanalyse und anderen Forschungsgebieten produktive Analogien und neue Hypothesen ermöglichen können, sofern die Unterschiede zwischen den Gebieten und ihren jeweiligen Methoden anerkannt und nicht verwischt werden. Freuds eigene Theoriebildung folgte dieser Methode. Im Interesse seiner theoretischen Fortschritte rekurrierte Freud auf andere Disziplinen, etwa auf die biologischen Wissenschaften, die Anthropologie, die Sprachwissenschaften, die Archäologie, auf Kunst und Literatur usw. und stützte sich auf ihre analoge Verbindung, ohne ihre Unterschiede zu verkennen. Beispielhaft genannt für die zahlreichen Analytiker, die Freud folgen, seien hier Erikson, Hartmann, Kris und Bellak mit ihren Studien über die komplexe Rolle, die Regression, Zerstörung, Grenzverletzungen und Konflikt für die Hervorbringung von Wachstum, Ausweitung und Kreativität im Bereich der Künste, Wissenschaften und der Kultur im Allgemeinen spielen (Blum 2011; Chessick 2001; Wilson 2003; Baudry 1984; Papiasvili 2020). Gilbert J. Rose (1964, 1987, 1990, 1991, 2004) ist ein Beispiel für eine spezifische Weiterentwicklung der Hartmann’schen Konzepte einer undifferenzierten Phase, der primären und sekundären Autonomie sowie der Neutralisierung als eines fortlaufenden Prozesses, der im Ich, einem offenen System und Organ der (kreativen) Anpassung, stattfindet. Mit Blick auf die Form statt auf den Inhalt und ausgehend von der Annahme, dass die verschiedenen Ich-Funktionen in unterschiedlicher Nähe zum Primärvorgang aktiv sind und es Übergänge zwischen primärem und sekundärem Prozess gibt, betont Rose das Kontinuum zwischen Primär- und Sekundärvorgang, die Interaktion auf allen Ebenen und die nicht eindeutig unterscheidbaren Eigenschaften der Leidenschaft und Spontaneität auf der einen Seite und der Kontrolle auf der anderen. Während „der Sekundärvorgang trennt, diskriminiert, fokussiert und ‚Nein‘ sagt,um den Organismus

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