Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III Cf. Bion und die Ich-Psychologie Wilfred R. Bion gilt gewöhnlich (zumindest was seine Anfänge betrifft) als kleinianischer Analytiker, auch wenn er selbst sich gegen solche Zuschreibungen verwahrte. Nur selten wird er als Freudianer betrachtet, obwohl seine theoretischen Beiträge – insbesondere die frühen – eindeutig und ausdrücklich auf Freuds Denken beruhten. Besonders auffällig wird dies in seinen ersten Schriften, wie z.B. der Abhandlung „Zur Unterscheidung zwischen psychotischer und nicht-psychotischer Persönlichkeit“ (Bion 1957 /2013), in der sein Denken in einem engen Dialog mit Freuds Verständnis der Rolle der Ich-Funktionen für das Verhältnis zur Realität steht (Freud 1911b). Ebendiesen Beitrag Freuds, „Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“, legte Lawrence Brown seiner Arbeit „The ego psychology of Wilfred Bion: implications for an intersubjective view of psychic structure“ (Brown 2009), dem ersten Artikel überhaupt, der dieses Thema behandelt, zugrunde. Auch spätere Aspekte von Bions Werk spiegeln die – vielleicht uneingestandene – Schuld wider, in der er gegenüber ich-psychologischen Konzepten stand. So verhält es sich z.B. mit Bions Theorie der Gruppendynamik, welche die „Arbeitsgruppe“ analog zum adaptiven Realitäts-Ich des Individuums konzipiert, während die „Grundannahmen“-Gruppen in gewisser Weise dem Es analog sind (Rioch 1975). Vor allem aber kann man Bions konsequente Beschäftigung mit Transformationen, mit der psychischen Bearbeitung und Verarbeitung roher Beta- Elemente in Alpha-Elemente, mit den psychischen Prozessen, die aus präpsychischen Sinneselementen Träume und Reverie entstehen lassen, mit dem Denken, mit Gedanken und mit der Sprache als eine Neufassung der Ich-Funktionen im Rahmen seiner eigenen Konzepte betrachten. Diese Neukonzipierungen kulminieren in dem bekannten „Raster“, einer neuen Methode der Dekonstruktion von Ich-Funktionen und der Art und Weise, wie sie dazu beitragen, durch Kombination und Integration von Ich und Selbst höhere psychische Ebenen der Abstraktion, Realisierung und Authentizität zu erreichen – oder ebendies verhindern. Bion hätte sich schwerlich als einen Ich-Psychologen bezeichnet (erst recht nicht im Sinne der eng definierten amerikanischen Ich-Psychologie), und es ist auch nicht ratsam, ihn als einen solchen zu kategorisieren. Gleichwohl ist es aufschlussreich und informativ, diese Denkrichtung als ein europäisches Pendant zur amerikanischen Ich-Psychologie und als Versuch, das, was diese zu leisten versuchte, mit ganz anderem konzeptuellen Ansatz zu formulieren, weiter zu verfolgen. III Cg. Ich-Psychologie und Erfahrung Ein wesentliches Attribut der normalen Ich-Aktivität sind die Hervorbringung, Formierung und Integration dessen, was unsere subjektive, bewusste und unbewusste Erfahrung konstituiert. Subjektive Erfahrung ist seit jeher eine philophische Frage, doch der Psychoanalyse geht es darum, die inneren Kräfte, die Mechanismen und die

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