Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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NACHTRÄGLICHKEIT

Tri-Regionaler Eintrag

Interregionale BeraterInnen : Maurice Apprey und Eva Papiasvili (Nordamerika), Bernard Chervet (Europa), Victoria Korin (Lateinamerika) Interregionaler Koordinierender Co-Chair: Arne Jemstedt (Europa)

I. EINFÜHRUNG UND EINLEITENDE DEFINITION

Das Substantiv Nachträglichkeit steht für eines der komplexesten nicht-linearen Konzepte, die Freud formuliert hat. Sein Gegenstand sind die Metapsychologie, klinische Theorien des Erinnerns, psychische Kausalität und Zeitlichkeit, Sexualität, Trauma und Entwicklung. Um es in seiner ganzen Tragweite zu erfassen, bedarf es einer gründlichen Erörterung. Mannigfaltige Bedeutungen und unterschiedliche Betonungen, die auf die komplizierte Entwicklung des Konzepts in Freuds Schriften zurückzuführen sind, hatten in Kombination mit divergierenden Übersetzungen und Interpretationen zur Folge, dass “Nachträglichkeit” im europäischen, nordamerikanischen und lateinamerikanischen Denken ganz unterschiedlich erklärt und definiert wurde. In Europa, wo das Konzept durch Jacques Lacan (1956, 1966, 1971) wiederbelebt und von zahlreichen französischen Autoren aufgegriffen wurde, richtet sich der Fokus offenbar auf die Logik der zeitlichen Regression, die von einer Szene aus jüngerer Zeit auf regressivem Weg über den Erinnerungsprozess zurückführt zu einer Szene aus der Vergangenheit. So gesehen, ist lediglich der manifeste Ausdruck des Symptoms auf progressivem Weg. In psychoanalytischen Sitzungen werden „Reminiszenzen“ mit nachträglichen Wirkungen zum Hebel der therapeutischen Wirkung. In der Operation des Après-coup (“L’après-coup” ist die französische Übersetzung für “Nachträglichkeit”, wörtlich ins Englische übersetzt etwa “after- blow, “after-shock”, ins Deutsche „Spätschock“.) gibt der Prozess eine zeitliche Struktur zu erkennen, die einer höheren Ordnung angehört als eine bloße Nachwirkung. Vielmehr wartet das „Nachherige“ hier darauf, dass das “Vorherige” seinen Platz in einem zirkulären und nicht-reziproken Prozess einnimmt. Im Einvernehmen mit Lacans “Rückkehr zu Freud” betonen zahlreiche französische Autoren neben dem Konzept der regressiven psychischen Arbeit und einer doppelten Kausalität (von der Gegenwart zur Vergangenheit und von der Vergangenheit zur Gegenwart) das Prinzip der Überdeterminiertheit und der Übertragung von unbewusstem Material auf die Wahrnehmungsrealität und deren – durch Identifizierung erfolgende – Internalisierung in die psychische Realität. Der Fokus richtet sich dabei auf die psychische Arbeit der Repräsentation und auf die

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