Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Indem Green das Unbewusste als das „Unsymbolisierte“ bezeichnet, ordnet er ihm das, was nie symbolisiert wird (d.h. die sogenannten „primitiven Zustände“ oder die Inhalte der „Urverdrängung“) zu, aber auch das, was „de-symbolisiert“ wird, d.h., dessen Verbindungen zum übrigen symbolischen Netzwerk abgebrochen sind (also das sekundär Verdrängte). In beiden Fällen sucht sich das, was keine Verwendung finden (d.h. bewusst werden) kann, andere Ausdruckskanäle, insbesondere in Form von Enactments und Somatisierung. René Roussillon (2004a, 2004b) plädiert dafür, das Konzept der Intersubjektivität in die Psychoanalyse zu integrieren . Auch wenn er die Art und Weise, wie es in der US-amerikanischen intersubjektiven Schule benutzt wird, als reduktiv bezeichnet, erklärt er, dass es durch einen metapsychologischen Ansatz, der auf einem psychoanalytischen Verständnis des Subjekts beruht – mit anderen Worten: auf einer Konzeption des Subjekts, die auch die unbewusste Dimension der Subjektivität einschließt -, zu einem psychoanalytischen Konzept werden könne. Gestützt auf das Werk Winnicotts, aber auch auf Trevarthens Ausführung über die primäre Intersubjektivität, definiert er Intersubjektivität als die Begegnung zwischen einem – von Trieben bewegten und mit einem unbewussten Leben ausgestatteten – Subjekt mit einem Objekt, das seinerseits ein Subjekt mit Trieben und unbewusstem Leben ist. Er betont, dass es notwendig sei, die Rolle der Triebe und der Sexualität in der Intersubjektivität zu untersuchen. Seiner Ansicht nach dient der Trieb insofern als eine Botschaft (la pulsion messagère ), als er nach der Anerkennung durch ein Objekt sucht. Für Roussillon (2014) fallen Intersubjektivität und Inter-Intentionalität letztlich in eins. Auch andere Vertreter der französischen Psychoanalyse akzeptieren das Intersubjektivitätskonzept mit Vorbehalten. In seinem Bericht für den Congrès des psychanalystes de langue française betont Bernard Brusset (2005), dass Objektbeziehungstheorie und Triebtheorie einander nicht ausschließen und dass die Integration der beiden Paradigmen Licht auf neue Möglichkeiten der Symbolisierung und der Subjektivierung werfe. In der Kinderanalyse wird das Intersubjektivitätskonzept von Bernard Golse (Golse & Roussillon 2010) als Instrument benutzt, um die Verbindung zwischen zwei heterogenen psychischen Räumen und ihrer nachfolgenden Anerkennung zu verstehen. Daniel Widlöcher (2004) ist zurückhaltender, wenn es um die Verwendung der Begriffe „Subjekt“ und „Subjektivität“ in der Psychoanalyse geht. Wenngleich er beteuert, dass die Intersubjektivität nicht zu einer „Banalisierung“ der analytischen Beziehung zwischen Analytiker und Patient führen und nicht als bloße Interaktion zwischen zwei Personen verstanden werden dürfe, betont er die Notwendigkeit, von dem Status eines neutralen Beobachters abzurücken und anzuerkennen, dass Wissen in der Psychoanalyse durch den Zugang zum subjektiven Erleben eines Anderen erlangt werde. Eine solche Situation impliziert psychische Interaktivität , ein Konzept, das er mit dem Terminus „Co-Denken“ zusammenfasst (Widlöcher 2004, 2014a, 2014b).

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