Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Repräsentierbarkeit (Darstellbarkeit). Diese Autoren betrachten das Après-coup als einen Prozess, der die regressive Triebökonomie transformiert und die psychische Handhabung der traumatischen Wirkungen sowie die Wunschbefriedigung zulässt. Auch Jean Laplanche folgte Lacan, erweitert aber dessen Logik der zeitlichen Regression, indem er seine allgemeine Verführungstheorie formulierte und die implantierten mütterlichen Botschaften erläuterte. In Laplanches Ausweitung von Lacans nicht-reziproker zirkulärer Abfolge des Après-coup wird dieses zu einer spiralförmigen Operation: Die Implantierung der mütterlichen Botschaften in das frühe, inkohärente Ich des Kindes wird in sukzessiven Übersetzungen empfangen und “resubjektiviert”. In der psychoanalytischen Behandlung wird die Übertragung zu einer unendlichen “Übertragung der Übertragung”. In ihrem “Vokabular der Psychoanalyse” schreiben Laplanche und Pontalis (1973 [1967]) , dass “Nachträglichkeit” der Begriff sei, den Freud häufig im Zusammenhang mit seiner Sicht der Zeitlichkeit und psychischen Kausalität benutzte: “Erfahrungen, Eindrücke, Erinnerungsspuren werden später aufgrund neuer Erfahrungen und mit dem Erreichen einer anderen Entwicklungsstufe umgearbeitet. Sie erhalten somit gleichzeitig einen neuen Sinn und eine neue psychische Wirksamkeit” (S. 313) oder ein neues pathogenes Potential. Die “Edingburgh Encyclopedia of Psychoanalysis” (Skelton 2006) zitiert Helmut Thomä und Neil Chechire (1991), die Stracheys Übersetzung “deferred action” [wörtlich: „aufgeschobene/verzögerte Wirkung“] insofern für unbefriedigend halten, als Freud die Bedeutung der nachträglichen Wirksamkeit mit einer retrospektiven Rekonstruktion der psychischen Bedeutung des Traumas kombinierte. Hingegen wurden die Umarbeitung und Rekontextualisierung der Erinnerung im Zuge der nordamerikanischen Wiederbelebung des Begriffs in den späten 1980er und den 1990er Jahren unter dem Blickwinkel der Entwicklungsveränderung betont. In dem vor wenigen Jahren veröffentlichen Wörterbuch der American Psychoanalytic Association, das Stracheys umstrittene Übersetzung “deferred action” übernommen hat (Auchincloss und Samberg 2012, S. 53f.), wird der Prozess der Nachträglichkeit definiert als Reaktivierung oder Reinterpretation einer früheren Erfahrung oder der Erinnerung an eine Erfahrung, die zum Zeitpunkt des Erlebens nicht assimiliert werden konnte – zumeist aufgrund eines Defizits oder einer Entgleisung in der Reifung oder Entwicklung. Der Prozess der Verzögerung, des Aufschubs, zeigt sich u.U. besonders deutlich im Bereich der Psychosexualität, weil die Bedeutung sexuell besetzter frühkindlicher Erfahrungen vor Eintritt der pubertätsbedingten Reifung gar nicht integriert werden kann. Unter einem lateinamerikanischen Blickwinkel (vgl. Aslan 2006; Masotta 1982) ist das Konzept der Nachträglichkeit durch die Begriffe Zeitlichkeit, Kausalität und psychoanalytische Wirksamkeit gekennzeichnet. Es besteht ein komplexes Netzwerk an Interaktionen, in denen jeder dieser Termini seinerseits durch “Nachträglichkeit” beeinflusst wird. Der erste Schritt im Operieren der Nachträglichkeit ist eine Aufhebung der Fokussierung, ein Sich-Entfalten der Zeit. Diese Entfaltung führt zu einer Verschiebung der determinierenden Reihenfolge, stellt die

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