Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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die Funktion und die Grenzen der Gegenübertragungsanalyse statt (Gabbard 1982, 1994, 1995). Jacobs (1993) theoretische Arbeit über die Verwendungen der Gegenübertragung des Analytikers stützt sich auf Objektbeziehungstheorien, zeitgenössische Freudianer (Sandler 1976) und Selbstpsychologie. Jacobs war der Ansicht, dass die Gegenübertragung in vielfältiger, multipel konfigurierter Form auftaucht und dass sie (auf ihre eigene Weise) ebenso aufschlussreich und problematisch ist wie die Übertragung. Seiner Meinung nach ist das gesamte Instrumentarium des Analytikers, die kreative Arbeit mit Körper, Geist, Phantasie und interpersonaler Erfahrung, für die analytische Arbeit entscheidend. Die Gegenübertragung ist hierbei kein Problem, sondern eine (partielle) Lösung, ein notwendiger Teil der Arbeit. Jacobs Verwendung der analytischen Subjektivität setzt die subtilen, alles durchdringenden Kommunikationen voraus – Metakommunikationen, bewusste, vorbewusste und unbewusste Kommunikationen –, die die Erfahrungen aller analytischen Paare untermauern und durchziehen. Eine so vielfältig ko-konstruierte Bedeutungsstiftung macht es unerlässlich, dass der Analytiker seinen eigenen Anteil an diesen komplexen Kommunikationen versteht und sehr gründlich erforscht. Für Jacobs (1991, 1999, 2001) und Smith (1999, 2000, 2003) sowie die eher objektbeziehungstheoretisch orientierten Analytiker wie Ogden (1994, 1995) und Gabbard (1994) ist – trotz aller Unterschiede ihrer Auffassungen – die Subjektivität des Analytikers entscheidend für die Selbstanalyse, die die analytische Arbeit letztlich voranbringt. In dieser Denkrichtung betrachtet man die Gegenübertragung heute eher als Enactment (Harris 2005; siehe auch den Eintrag ENACTMENT). Smith (2000) vertritt im Zusammenhang mit seiner Untersuchung der repetitiven und zwanghaften Aspekte der Gegenübertragung die Ansicht, dass sie den analytischen Prozess (gleichzeitig) behindere und fördere. Smith zeigt hier für die Gegenübertragung, was Freud für die Übertragung zeigte, nämlich dass sie wahrscheinlich sowohl einen Widerstand als auch eine Antriebskraft der Veränderung konstituiert. Wie jeder Wiederholungszwang enthält auch sie ein Streben nach Gesundheit und nach Krankheit. Apprey (1993, 2010, 2014) erweitert Sandlers Konzept der auf Gegenübertragungsgefühlen beruhenden Rollenresponsivität, „um all die drängelnden Appelle und Forderungen auf dem Übertragungs-Gegenübertragungskontinuum zu untersuchen, die durch die unbewussten Wünsche motiviert sind, die in der Vergangenheit erlittenen Kränkungen und Verletzungen im öffentlichen Raum des gegenwärtigen klinischen Settings zu wiederholen oder umzukehren“ (persönl. Mitteilung an Papiasvili, 2014). Apprey, ein zeitgenössischer Freudianer, der die komplexen Bezüge und Verbindungen zwischen projektiver Identifizierung, Enactments und Rollenresponsivität zu überbrücken versucht, beschreibt den rollenresponsiven Analytiker in einer nach seinem Dafürhalten einzigartige, modernen nordamerikanischen Erweiterung und Verwendung des Konzepts als Verstärker „der psychischen Emanzipation von den destruktiven und tyrannischen

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