Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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inneren Objekten“, die den Patienten intrapsychisch quälen und ihm Gewalt antun. Freedman, Lasky und Webster (2009) haben innerhalb der intersubjektiven Matrix eine komplexe Kombination freudianischer, lacanianischer und winnicottianischer Konzepte der Symbolisierung und Triangulierung vorgelegt. Sie unterscheiden zwischen sogenannten gewöhnlichen und außergewöhnlichen Gegenübertragungen : Gewöhnliche Gegenübertragungen sind definiert als vorübergehende Störungen, außergewöhnlich hingegen als Sackgassen, die dem Analytiker so unerträglich sind, dass er sie aus seinem Bewusstsein ausschließen muss. Die lacanianische Theorie der durch die „Linse des Begehrens“ (Lacan 1977) betrachteten Gegenübertragung trifft hier auf Winnicotts (1972, 1974) Bezugsrahmen des „hinreichend guten analytischen Prozesses und seines „potentiellen Zusammenbruchs“. III. B. Feldtheorie und verwandte Perspektiven Klinisch vorweggenommen von Ferenczi und Sullivan (1953, 1964) und beeinflusst von den aufkommenden Objektbeziehungstheorien, gab das Konzept des „ Feldes “ seinen vielbeachteten Einstand in der Diskussion über die Gegenübertragung. Psychoanalytiker, die sich auf die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys (1945) und auf die europäisch-nordamerikanische sozio- psychologische Neo-Gestalttheorie des dynamischen Feldes von Kurt Lewin (1947) stützten, machten sich (vor allem in Lateinamerika und Italien, etwas weniger intensiv auch in den USA) diese Perspektive zunutze, um das analytische Setting oder die analytische Situation als ein integriertes Ganzes zu untersuchen; alle Aspekte dieser Situation sind demnach ausnahmslos in allen anderen enthalten. In diesem System ist die Gegenübertragung ein unvermeidlicher Aspekt des Erfahrungsnetzes einer psychoanalytischen Behandlung. Zu den bedeutendsten Verfechtern dieses Verständnisses der Gegenübertragung zählen die argentinischen Analytiker Willy und Madeleine Baranger. Sie stellen den analytischen Prozess als ein evolvierendes bipersonales Feld dar, das durch das Setting gerahmt wird, aber aus zwei Interagierenden besteht, die einander zwangsläufig, wenngleich subtil, beeinflussen. Der psychoanalytische Prozess ist eine „gemeinsame Hervorbringung“ , der die Übertragung und gleichermaßen die Gegenübertragung als Quelle dienen. Dieses Sichtweise, dass das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen aus dem dynamischen Feld auftaucht, welches eine „ Bastion “ erschaffen kann (Baranger und Baranger 2008/1961), positioniert den Analytiker und den Analysanden in einer Sackgasse und einer neuen Hervorbringung . Die Struktur des Feldes wird „konstituiert durch das Zusammenspiel der projektiven und introjektiven Identifizierungs- und Gegenidentifizierungsprozesse, die mit ihren unterschiedlichen Grenzen, Funktionen und Eigenschaften im Patienten und im Analytiker aktiv sind“ (ebd., S. 809). In Brasilien entwickelte Roosevelt Cassorla (2013) die moderne Konzeption akuter und chronischer Enactments , eines gemeinsamen, der Abfuhr

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