Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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dienenden Verhaltens des analytischen Paares, das in das analytische Feld eindringt und die Situationen zurückspiegelt, in denen die verbale Symbolisierung beeinträchtigt war. Solche neueren lateinamerikanischen Sichtweisen der Gegenübertragung wurzeln in der Arbeit und Tradition der Barangers und Blegers (1967), die sich parallel zu und in Interaktion mit Racker (1968) und Grinberg (1968) und häufig mit lacanianischen Akzentuierungen (de Bernardi 2000; Cassorla 2013) herausbildeten. Die Theorie des analytischen Feldes wurde sowohl in Europa als auch in Nordamerika weiterentwickelt. In den USA formulierte Donnel B. Stern (1997) eine eigene Feldtheorie in der interpersonalen Perspektive . Einer der wichtigsten Hauptvertreter der Feldtheorie in Europa ist Antonino Ferro, der sie mit bionianischen Konzepten engführte . Zusammen mit Basile (Ferro und Basile 2008) versteht er das Feld als einen Treffpunkt der multiplen Charaktere des Patienten wie auch des Analytikers, die allesamt, quasi wie auf der Bühne, ein Eigenleben führen. Diese Autoren fokussieren auf die Narration der Welten, die in jeder einzelnen Analysestunde auftauchen. Sie identifizieren eine Reihe unterschiedlicher Gegenübertragungsebenen : „Die Unterschiede beruhen auf den Modalitäten, die das Feld aufweist und benutzt, um seine eigenen Spannungen zu modulieren“ (Ferro und Basile 2008, S. 3). Transformationen der in den Narrativen der Sitzung vorkommenden Charaktere repräsentieren demnach „ die Transformationen im analytischen Feld. Die Untersuchung solcher Verbindungen trägt zur Klärung der Öffnung und Schließung eines ‚Kanals‘ zwischen projektiven Identifizierungen (des Patienten) und der Reverie (des Analytikers) bei“ (ebd., S. 3). Ferro (2009) und Civitarese (2008; Ferro und Civitarese 2013) betonen die Verwendung der Psyche des Analytikers und seines Körpers, die – beide in einem Zustand der Reverie gehalten – den Weg zu unbewussten Prozessen weisen, die sich im Patienten, aber auch zwischen Analytiker und Analysand abspielen. Diese Perspektive hat vieles mit dem Konzept der ko-kreierten Interaktionen gemeinsam, das Thomas Ogden, ein in England ausgebildeter nordamerikanischer Analytiker, entwickelt hat. Auch kleinianische Einflüsse sind hier unverkennbar. Ogden zufolge muss die intrapsychische Sichtweise der Übertragung und Gegenübertragung nicht nur um das intersubjektive Bild einer Übertragungs- Gegenübertragungsmatrix ergänzt werden; vielmehr konstituieren diese Perspektiven nach Ogden eine Dialektik, die zu einem (intersubjektiven) „analytischen Dritten“ führt, einer neu auftauchenden Subjektivität , die (analog zum Feld) mehr ist als die Summe ihrer Teile. Auch Green (1973/1999, 2002) kombiniert den intrapsychischen und den intersubjektiven Blickwinkel und definiert im Bezugsrahmen der französischen Psychoanalyse sowie im Einklang mit Winnicotts Schriften über den potentiellen Raum eine weitere Formation auf dem Gebiet tertiärer Prozesse. Seine Variante ist das „analytische Objekt“ (als Objekt der Analyse und in Analyse) als „ drittes Objekt “, das weder zum Analytiker gehört noch zum Analysanden, sondern transitorische

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