Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Eigenschaften besitzt, die sich in der analytischen Begegnung herausbilden . In Greens Denken verbindet die intersubjektive Beziehung zwei intrapsychische Subjekte: „In der Verflechtung der inneren Welten der beiden Partner des analytischen Paares nimmt Intersubjektivität Substanz an“ (Green 2000, S. 2). III. C. Interpsychischer und intersubjektiver Zwei-Personen-Fokus: Gegenübertragung als „gemeinsame Grundlage“ Ursprünglich europäischen (um es genau zu sagen: italienischen) Ursprungs, hat die Konzeptualisierung des „Interpsychischen“ (neben dem „Intersubjektiven“) im vergangenen Jahrzehnt weltweit an Bedeutung gewonnen (Bolognini 2004, 2010, 2016). In diesem neuen Interesse klingen Freuds Ausführungen über die direkte Beeinflussung zweier unbewusster Systeme nach, an deren Kontakt keine höheren Formen des Bewusstseins oder der Subjektivität beteiligt sind (Freud 1915, 1937a, 1937b). Besonders relevant für die Konzeptualisierung des Interpsychischen sind die von der Feldtheorie beschriebene umwandelnde „Modulierung des Feldes“ (Ferro et al. 2002), Winnicotts Konzept des „Übergangs“ und die Arbeit über Empathie als komplexes Phänomen (Bolognini 2009). In der jüngsten Arbeit von Bolognini (2016) erweist sich das Interpsychische als eine „ funktionale präsubjektive Ebene, auf der zwei Personen durch die Verwendung ‚normaler‘, kommunikativer projektiver Identifizierungen innere Inhalte austauschen können “ (S. 110). Als erweiterte psychische Dimension spiegelt es die innerlich erlebte wechselseitige Beeinflussung zweier Psychen wider. Wenn der analytische Dialog in der behandlungstechnischen Verwendung des Konzepts als interpsychisch erfahren wird, gewinnt er eine „neue, spezifischere Effektivität, und zwar zunächst im Containment und dann in der Symbolisierung“ (Bolognini 2004). Dieser Ansatz wurde in einer Vielzahl der unterschiedlichen, modernen psychoanalytischen Traditionen ausgearbeitet, einschließlich der neo-kleinianischen und der neo-bionianischen, die insbesondere auf die Bereitschaft fokussieren, projektive Identifizierungen anzunehmen (Steiner 2011; Pick 2015). In Verbindung mit dieser Sichtweise ist eine Richtung der französischen intersubjektivistischen Theoriebildung zu sehen, die auf eine unbewusste Kommunikation via enigmatische Botschaften abhebt. Die Aufmerksamkeit für den Raum des Patienten bleibt uneingeschränkt gewahrt; die Subjektivität des Analytikers und seine Repräsentations- und Symbolisierungsfähigkeit werden in den Dienst der Subjektwerdung, Repräsentations- und Symbolisierungsfähigkeit des Patienten gestellt. Im Kontext der Gegenübertragung wäre als Beispiel Faimbergs Gegenübertragungsposition des dezentrierten klinischen Zuhörens zu nennen, auch bekannt als dem Zuhören zuhören (Faimberg 1992, 2009 [2005], 2012, 2013, 2015). Diese Einstellung entspricht einer aufmerksamen Beobachtung der Art und Weise, wie der Analytiker das, was der Patient gehört und gesagt hat, hört (und umgekehrt). Sie bringt zahlreiche Überraschungen mit sich, die zum Verständnis der Rezeptivität

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