Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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des Patienten und seiner Fähigkeit zur symbolischen Repräsentation beitragen. Jaqueline Godfrind Habers und Maurice Habers (2009) Konzept der gemeinsamen agierten Erfahrung beschreibt die interpsychische Entität eines ausgelebten „Handlungsbildes“, das noch nicht verbal symbolisiert werden kann, aber Symbolpotential enthält. Der symbolische Sprung vom Potential zur Realisierung, vom Agieren zum Denken, kann durch die auf der Gegenübertragung beruhende Beteiligung des Analytikers bewerkstelligt werden. In ähnlicher Weise zeigt die Arbeit von René Roussillon (2009), wie die Aktionen und der Körper des Patienten Vorgänge und Botschaften aus seiner präverbalen Geschichte vermitteln. Die interpsychische Transmission auf der Ebene von Übertragung-Gegenübertragung kann dazu beitragen, dass diese Vorgänge und Botschaften Teil des „psychischen Lebens“ werden. Unter mannigfaltigen Blickwinkeln betonen auch Green (2000), Aulagnier (2015), de Mijolla-Mellor (2015/2016) und andere die Feinabstimmung des Analytikers auf den interpsychischen und/oder intersubjektiven Fluss unbewusster Kommunikationen als unverzichtbare Voraussetzung für die analytische „ Ko-Re- Konstruktion “ und Historisierung des frühen Traumas des Patienten, und die Wiederherstellung der Symbolisierungsfähigkeit als Bedingung dafür, dass Deutungen überhaupt als sinnhaltig wahrgenommen werden können. In den USA und weltweit wurde der intersystemische Zwei-Personen-Ansatz auch von Analytikern befürwortet, die Säuglingsforschung betreiben und/oder systemtheoretisch und/oder selbstpsychologisch orientiert sind. Die moderne Säuglingsforschung mit ihrer Betonung der gemeinsamen Affektregulation und der Affektinfusion (Tronick 2002) könnte sich für die klinische Fokussierung auf interpsychische Transmissionsvorgänge als besonders relevant erweisen. Auf die klinische Arbeit mit erwachsenen Patienten bezogen, betonen viele Autoren die gemeinsame Erzeugung impliziter Regeln für den psychoanalytischen Prozess (Nahum 2013). Allerdings bagatellisieren sie sowohl das Übertragungs- als auch das Gegenübertragungskonzept und betonen stattdessen die förderlichen Begegnungen zwischen Patient und Analytiker. Auch wenn die explizite Verwendung des Gegenübertragungskonzepts und die ausdrückliche Erwähnung der „Gegenübertragung“ seit einigen Jahren in zahlreichen modernen Denkschulen weniger im Vordergrund stehen, bedeutet dies nicht, dass die Beteiligung der persönlichen Seite des Analytikers aus dem Blickfeld gerückt wäre, im Gegenteil: Die Verflechtung der inneren Welten von Patient und Analytiker zählt heute zu den bedeutendsten Untersuchungsschwerpunkten in der Psychoanalyse. Wenn man sich die längere geschichtliche Entwicklung ansieht, zeigt sich, dass die Gegenübertragung zweifellos ein spezifisches Gewicht im Kontext der wesentlichen Elemente der psychoanalytischen Methode erlangt hat. Gabbard (1995) vertrat die Ansicht, dass die Gegenübertragung nicht allein Wissen und Weiterentwicklung fördern könne, sondern dass sie zunehmend zu einer gemeinsamen Grundlage für Psychoanalytiker unterschiedlicher Schulen geworden sei. Er führte dies auf die Formulierung zweiter Schlüsselkonzepte – projektive

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