Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Identifizierung und Gegenübertragungsenactment – zurück (siehe die Einträge PROJEKTIVE IDENTIFIZIERUNG und ENACTMENT). Nachdem die emotionalen Reaktionen des Analytikers jahrzehntelang als Instrument galten, mit dessen Hilfe er Zugang zur inneren Welt des Patienten finden und sie beeinflussen kann, dreht sich die Diskussion in jüngerer Zeit auch um die Frage, ob und wie die aktive und explizite Verwendung der Gegenübertragung in der analytischen Situation erweitert werden sollte, das heißt, ob und unter welchen Umständen der Analytiker dem Patienten Mitteilung von seiner Gegenübertragung machen sollte, um dessen Verständnis seines eigenen Erlebens zu verbessern (Renick 1999; Gediman 2011; Greenberg 2015). Zurzeit besteht, was die Nützlichkeit dieser Interventionstechnik anlangt, keine Einigkeit.

IV. SCHLUSS

Beginnend einem Gegenübertragungstraum par excellence, den Freud 1895 schilderte, illustriert die Entwicklung des Gegenübertragungskonzepts, dass seit der „Geburt der Psychoanalyse“ bis heute eine ständige Interaktion von Theorie und Praxis, von klinischer Arbeit und Konzeptentwicklung stattgefunden hat. mit dem Traum von „Irmas Injektion“, Obgleich die Gegenübertragung zunächst vorwiegend als eine Gefährdung der klinischen Effektivität des Analytikers angesehen wurde, trat die „andere“, in der Frühzeit lediglich angedeutete Richtung, nämlich das Verständnis der Gegenübertragung als Ergebnis inter psychischer Prozesse, in den analytischen Diskussionen der 1920er und 1930er Jahre nach und nach ausdrücklicher in den Vordergrund. Damit einhergehend erweiterte sich ganz allmählich auch die Definition der Gegenübertragung. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts richtete sich der Fokus immer konzentrierter auf die interpsychischen Phänomene und Prozesse, die sich nicht allein in , sondern auch zwischen den Psychen der beiden Protagonisten der analytischen Situation vollziehen. Innerhalb dieser Entwicklung aber lassen sich sehr unterschiedliche thematische Prioritäten ausmachen: die präsubjektive Austauschebene, die sich verflechtenden Subjektivitäten von Patient und Analytiker, die Beziehungen beider, das psychische Feld zwischen ihnen und die verschiedenartigen Austauschkanäle – unbewusste Reaktionen, Affekte und Emotionen, Sprache, Körperlichkeit, Verhalten etc. Da die Gegenübertragung zunehmend als ein Behandlungsinstrument gilt, bleiben auch ihre klinischen wie theoretischen Potentiale und Fallstricke für Analytiker von entscheidendem Interesse. Die unterschiedlichen Bedeutungsaspekte, die sich während der gesamten

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