beyond 01 | 2026

FORSCHUNG

INTERVIEW

35 Jahre Forschung

Prof. Dr. Andreas Thimmel geht in den Ruhestand Wann immer die Frage auftauchte, was Internationale Jugendarbeit praktisch und theoretisch bedeutet und bewirken kann, war er eine der wichtigsten Stimmen und Anwalt des Arbeitsfeldes. Nun verabschiedet sich Andreas Thimmel nach einer langen akademischen Laufbahn. Wie hat sich der Blick auf Internationale Jugendarbeit in den letzten Jahrzehnten verändert? Im Interview mit Andreas Thimmel hat die Redaktion von beyond versucht, sich einer Antwort anzunähern.

Erwartungen an Internationale Jugendarbeit

beyond: Herr Professor Thimmel, seit wann beschäftigen Sie sich als Wissenschaftler mit Internationaler Jugendarbeit?

beyond: Hat sich nicht auch die Perspektive verändert? Junge Menschen wurden früher defizitär betrachtet, heute setzt man eher auf Empowerment. Gilt Ähnliches für die Internationale Jugendarbeit? Andreas Thimmel: In der Internationalen Jugendarbeit wurden junge Menschen nie als defizitär betrachtet, vielmehr ruhte auf ihnen die Hoffnung auf eine friedli - chere Welt. Das Arbeitsfeld mit seinen ausdifferenzierten Strukturen entstand vor dem Hintergrund des demokra- tischen Aufbaus in der Bonner Republik in den 1960er Jahren, des geteilten Wissens um die Verbrechen im Naziregime vor und während des Zweiten Weltkrieges sowie der europäischen und internationalen Orientie- rung der Bundesrepublik Deutschland. Junge Menschen sollten stellvertretend – im Bewusstsein und in Erinne- rung an die Geschichte – einen Beitrag zur Versöhnung zwischen ehemals verfeindeten Staaten leisten. Diese hauptsächliche Begründung aus der Politik wurde in den folgenden Jahrzehnten modernisiert und jugendpädago- gisch erweitert und weiterentwickelt. Neue gesellschafts- und außenpolitische Begründungen für die Bedeutung der Internationalen Jugendarbeit kamen im Lauf der letzten Jahrzehnte hinzu. Der Kern des Austauschs und der Bildungsarbeit bleibt die konkrete Begegnung von jungen Menschen aus unterschiedlichen Ländern im

Andreas Thimmel: Seitdem ich ab 1990 als wissenschaft- licher Mitarbeiter in der damaligen Forschungsgruppe Jugend und Europa der Universität Mainz arbeitete und dort zur europapolitischen Bildung und Internationalen Jugendarbeit zu forschen begann. beyond: Das ist jetzt über 35 Jahre her. Wie hat sich seither der Blick auf die Internationale Jugendarbeit verändert? Andreas Thimmel: Im Rückblick auf 35 Jahre Beschäfti- gung aus jugendarbeiterischer und sozialpädagogischer Perspektive konnte ich mithelfen, eine wissenschaftliche Dauerbeobachtung des Feldes zu etablieren. Wir haben viele Praxisforschungsprojekte durchgeführt, die zum einen die pädagogische Praxis kritisch begleitet und wei- terentwickelt haben. Zum anderen haben wir in diesem Zeitraum dieses Feld auch in unterschiedlichen Diszip - linen des Wissenschaftssystem verankert. Die Relevanz einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Interna- tionalen Jugendarbeit wird nicht mehr in Frage gestellt. Heute stellt auch niemand mehr das positive Potential dieses besonderen Formats von Bildungs- und Freizeit- jugendarbeit in Frage. Das war zu Beginn meiner wissen- schaftlichen Beschäftigung noch nicht der Fall.

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