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TITELTHEMA | LÜBECK 36

Dazu gehören Vorstellungskraft sowie der Wille und die Möglichkeit, das umzusetzen. All das muss zusammen- gekommen sein, als die 41-jährige Lübeckerin und der 42-jährige Bonner, die vorher in der Hamburger HafenCity und in Travemünde gewohnt hatten, das in den 1970er-Jahren erstmals erneuerte Stadthaus Ende 2017 kauften und sich für eine aufwändige Sanierung entschieden. Auf ein solches Unterfan- gen lässt man sich nicht ein, wenn man es nicht ernst meint. In einem solchen Fall heißt es ganz oder gar nicht. Die Bauherren setzten aufs Ganze.

Genau dieser grundlegende Ansatz stellte den Schlüssel zum heutigen Erscheinungsbild des Stadthauses der Theis dar.

Interessen und Wertvorstellungen mit. Und natürlich sind Architekten auch Künstler, die ihre ganz eigenen Vorstellungen und ihren Geschmack in Sachen Architektur haben. Die Theis wählten einen unkonven­ tionellen Weg. Sie spazierten durch die Stadt, hielten Ausschau nach Referenzhäusern, die ihnen gefielen, und erfragten einfach die dahinter­ stehenden Architekturbüros. Dabei stolperten sie immer wieder über einen Namen, der seine Handschrift in der Hansestadt bereits an vielen Orten hinterlassen hat: Mißfeldt Kraß. Aufsehen erregten die Lübecker Architekten mit einem Anbau an ein Siedlungshaus aus den 1940er Jahren. Neben dem Altbau platzierten sie einen neuen Baukörper in gleicher Geometrie. Indem die Planer zwar mit Backstein weiterbauten, aber einen anderen Farbton wählten,

Städtebauliche Vielfalt erhalten und neu gestalten

Im Frühjahr 2020 ging die Baumaß­ nahme los. Nach zehn Monaten waren die Arbeiten abgeschlossen. Heraus­ gekommen ist ein Wohntraum im Miniaturformat auf drei Ebenen. Wo einst der Flur und das Badezimmer im Erdgeschoss waren, lädt nun eine Wohnküche mit Kochinsel und angeschlossenem Essbereich zum gemütlichen Verweilen ein. Der Clou: Besucher fallen mit der Tür ins Haus und direkt in die Küche. Aller- dings ist dies so charmant gelöst, dass das Fehlen eines Flurs nicht ins Gewicht fällt. Von der Küche aus gelangt man durch eine Terrassentür in einen kleinen Innenhof mit idealer Ausrichtung. Er profitiert von früh bis spät von der

Sonne. Im hinteren Bereich des Hofes befindet sich eine ca. 12 qm große Remise, die Hendrik Theis nun als häusliches Arbeitszimmer dient. Das Gebäude teilt sich die Rückwand mit einer Mikwe, dem nicht mehr genutzten rituellen Tauchbad des auf dem Nachbargrundstück angesiedelten jüdischen Gotteshauses.

Zwar gilt dieses als historisch unbedeu- tendes, profanes Wohnhaus und steht nicht unter Denkmalschutz; gleichzeitig ist es aber Teil eines regionalen und historischen Häuserensembles. Die Bauherren wollten unbedingt die alte Bausubstanz erhalten, aber die Bausünden aus den 1970er Jahren entfernen. Ihren Teil dazu trug die Possehl-Stiftung in Form eines Zuschusses bei. Diese Stiftung fördert, die Lübecker Altstadt in ihrer archi­ tektonischen Vielfalt zu erhalten und zu gestalten. Schließlich wurde diese 1987 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Architekten haben eine unverkennbare Handschrift

Historische Dachgaube rekonstruiert

Doch auch sie standen vor der entscheidenden Frage, wen sie als Architekten mit der Sanierung ihres Hauses beauftragen sollten. Jedes Architekturbüro bringt eine andere Verbindung aus Wissen, Erfahrungen,

Im ersten Stockwerk des Hauses realisierten die Planer nach den Vorstellungen der Bauherren auf der Vorderseite ein exklusives Vollbad, das großen Komfort auf engstem >>

Ausgangssituation, Rückbau und Wiederaufbau in Vollendung

gelang ihnen eine zeitgemäße Antwort, ohne zu historisieren.

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