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STANDPUNKT 47

Haus & Grund tritt für das private Grundeigentum ein. Angesichts knapper Grundstücke, gestiegener Preise und hoher Energieeinspar- erfordernisse fragen wir: Hat das Einfamilienhaus noch eine Chance? Böttcher: Solange der Wunsch besteht, wird es eine Nachfrage geben. Es wird sich vielleicht etwas ändern. Wir sind inzwischen bei einer Grundstücksgröße angekommen, die oft so gering ist, dass es nicht wirklich sehr viel Sinn macht. Die Grundstücke müssen eine Größe haben, dass sie mit ihrer Grünfläche den Baukörper kompensieren können. Das geht bei 600 Quadratmetern, bei 400 wird es schon problematisch. Dann ist es mit Zuwegung und Terrasse fast vollständig „zugepflastert“. Über 1.000 Quadratmeter wird den Leuten allerdings auch wieder zu anstrengend in der gärtnerischen Bewältigung. Es wird auf die Gemeinden viel Arbeit zukommen, um zu prüfen, inwieweit man noch verdichten kann oder einiger- maßen flächenschonend neue Grund- stücke erschließt. Aber es gibt noch Optionen. Viele bebaute Grundstücke sind groß genug, um sie zu teilen, ohne dass Landschaft zerstört würde und noch mehr Straßen gebraucht werden. Schmieder: Das Thema wird sich weit- gehend von allein erledigen. Ich glaube nicht, dass das Einfamilienhaus in der Masse noch eine große Zukunft hat. Sicherlich ist es immer noch der Traum für viele junge Familien. In der Praxis scheitert es aber immer häufiger an der Finanzierung. Bei einem neuen Haus bin ich doch schnell bei 600.000 € und mehr. Da können selbst doppelverdie- nende Akademiker nicht mehr mithalten, wenn sie nichts geerbt haben oder von den Eltern entsprechend ausgestattet werden. Ein weiterer Punkt liegt auf der ökologischen Seite und dem Problem der Klimaneutralität. So ein Haus verbraucht eine Menge Fläche. Und obwohl es sich Einfamilienhaus nennt, wohnen nach einer gewissen Zeit dann meist noch zwei, häufig nur eine einzelne Person

Schmieder: Lassen Sie uns da doch mal über Qualität reden! Siedlungen, die für mich Qualität haben, haben zugleich eine gewisse Stringenz in der Architektur. In Dänemark zum Beispiel gibt es Sied- lungen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie eine homogene Gestaltung haben, dass sich gewisse Elemente wiederholen und, wenn sie besonders gut sind, von nur einem Architekten geplant wurden. Warum ist es denn hier so, dass in den Neubaugebieten nicht einheitlich geplant wird, sondern jeder fast alles machen kann, was er will?

darin. Wir schaffen damit eine immens hohe Flächenversiegelung und einen sehr großen Verkehrsinfrastrukturbedarf, brauchen zusätzliche KiTas und Schulen. Insgesamt ein enormer ökologischer Ballast. Deswegen bin ich der Meinung, dass das nicht der richtige Weg ist, um großflächig Wohnbedürfnisse erfüllen zu können. Wenn überhaupt, dann macht es dort Sinn, wo viel zu große alte Grundstücke durch Hinterlandbebauung zusätzlich erschlossen werden können. In manchen Baugebieten kann man ein buntes Durcheinander von Baustilen beobachten. Manche sprechen von „Wild­ schweinsiedlungen“, weil sich Toskanahaus neben Friesenhaus oder die quadratische „Stadtvilla“ aneinanderreihen. Wie kann man zu einer höheren städtebaulichen Attraktivität kommen? Waren die „Gartenstädte“ mit einen durchgängig geplanten Baustruktur ein besserer Weg? Schmieder: Die entstanden damals häufig aus der Not heraus, oft für die Arbeiter. Auch zur politischen Beruhigung der Bevölkerung, damit die Arbeiter nicht auf die Straße gehen. Die relativ einheitliche Gestaltung sorgte für das Entstehen eines Quartiers­ gedankens. Das sehen wir heute in den allermeisten Neubaugebieten nicht so sehr. Böttcher: Wir haben ein paar kleine Baugebiete gemacht, wo so in etwa 20 Häuschen stehen, die tatsächlich eine Art Siedlungscharakter haben. Ein Dorf im Kleinen sozusagen. Das machen nicht so viele Gemeinden in dieser Art und Weise. Leider sitzen in vielen Gemeinden Leute in den Bau­ ausschüssen, die recht wenig Ahnung von Bauplanung und Bauausführung haben. Die Gemeinden wollen viele und günstige, und damit kleine Grundstücke. Was die Gemeinden in ihrem B-Plan wollen, das ergibt diese „Wildschweinsiedlungen“.

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Böttcher: Ich glaube, das liegt nicht an den Häusern. Es liegt an der Gesamt- planung. Die B-Pläne der Gemeinden legen nur fest, wie die Häuser aus- sehen dürfen. Da gibt es dann das quadratisch-praktische Grundstück und es kann sich jeder irgendein Haus draufstellen. Städteplanung wird nicht mehr richtig betrieben. Das Einfamilien- haus hat für mich nach wie vor Zukunft, wenn die Stadtplanung stimmt. Schmieder: Klar leiden die Kommunen sehr stark darunter, dass sie keine Planer haben. Nicht zuletzt wegen des Fachkräftemangels. Deswegen ist es ja so wichtig, dass wir hier in Kiel wieder einen Studiengang für Architektur bekommen. Warum werden solche Neubaugebiete nicht mal von einem Architekten durchgeplant, um eine homogene Qualität zu erreichen? Sind die dann nicht mehr vermarktbar? >>

Frische Energie für die Zukunft.

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