Writing Workshop at Lisbon Congress

advertising industry came up with that and we're falling for it,” he continued, and I thought he didn't mean us, he meant me. The rain pelted against my windows...

Roland Zag

AM ERSTEN APRIL ZOG EINE KLEINE ALTE FRAU IN DIE WOHNUNG NEBENAN. Seltsam, dachte ich, den Auszug der vorherigen Mieter hatte ich gar nicht registriert. Ich war, ehrlich gesagt, ein klein wenig enttäuscht, hatte ich doch gemeint, mit der halbwüchsigen Tochter, der ich in Mathematik geholfen hatte, eine persönliche Beziehung aufgebaut zu haben. Nun war sie weg, die ganze schreckliche Familie, innerhalb derer Daisy, wie ich den Teenager nannte, eine Unterstützung wie die meine dringend benötigt hatte. War vom Auszug von Daisys Familie rein gar nichts zu hören gewesen, rumpelte es beim Einzug der alten Dame umso gewaltiger. Eine Umzugsfirma nach der anderen machte sich zu schaffen, und mit den akkuraten Umbauarbeiten kündigte sich schon ein gewaltiger Systemwechsel im Haus an. Es handelte sich wohl um eine Dame, die nichts dem Zufall überließ. Eine Spezialfirma nach der anderen machte sich in den Räumlichkeiten zu schaffen, die ich eigentlich bei den wenigen Besuchen nebenan gar nicht so geräumig empfunden hatte, jetzt aber offenbar Innenarchitekten, Küchenbauer, Fließenleger undsoweiter über Wochen beschäftigte, ehe sich die kleine Dame das erste mal zeigte. Sie trug, was mich am meisten überraschte, einen Hut. Engländerin, dachte ich zuerst, so etwas Geschmackloses und irgendwie Deplatziertes sieht man hier selten. Sie hätte die Queen sein können. Aber Engländerin war sie nicht, leider. Schwäbin. Trotzdem wurde sie dem Bild, das in mir entstanden war, zunächst gerecht. Sie überließ tatsächlich nichts dem Zufall, nicht einmal den ersten Kontakt, den sie mit einem kurzen Brief in meinem Türschlitz auf einen ganz bestimmten Zeitpunkt festlegte. Sie hatte mir den Moment des Erstbesuchs, den sie mir abzustatten gedachte, auf die Minute genau angekündigt. Als dieser sich vollzog, gefror mir zunächst das Blut in den Adern. Man kann nicht sagen, dass sie meine Wohnung, in die ich sie perpflex und irgendwie hilflos einzuladen mich bemüßigt gefühlt hatte, eingehend prüfte. Es waren eher wie kurze Reflexe, sagen wir Scans, mit denen sie alle Details, wie es schien, minutiös in sich speicherte und auswertete. Nicht zu meinen Gunsten, muss ich sagen, die kürzlich erst vollzogene Trennung von Sharon war noch nicht spurlos vorübergegangen, die Frauenkleider und Toilettenartikel meiner Freundin, die sich jetzt doch nach langem Zögern für ein Leben mit Aron, dem afrikanischen Juden entschieden hatte, entgingen der alten Dame natürlich ebenso wenig wie die Alkoholika in meinem Küchenregal, die schief eingedübelten Regale, mit denen ich eine neue Regalwand einzuziehen gedachte,

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