Christiane H. Schleidt, Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie Munich Als er sich an die versammelten Gäste wenden wollte, versagte ihm die Stimme. Er stand da und schluckte. Sein Mund fühlte sich trocken an. Er blickte in erwartungsvolle Augen. Wie es passiert war, dass er Handzeichen in die Luft setze und diese dem Publikum sehr eindringlich präsentierte, konnte er auch nach dem Vortrag nicht sagen. Es passierte. Es ging alles wie von selbst. Es war, als ob beide Hände in eine Art Dialog verstrickt waren, der zwischenzeitlich sehr leise und zärtlich wurde. Fast abebbte, dann jedoch nach einer Pause wieder an Dynamik gewann. Er selbst wurde in eine Geschichte gesogen, die er nicht kannte und die ihn aber selbst anzog und zunehmend begeisterte. Er spürte, wie das Publikum gebannt auf seine Hände blickte und auch in seine Augen sah. Seine eigenen Augen wanderten durchs Publikum und es war, als ob die Hände jemand anderen gehören würden. Zum Schluss trat er einen Schritt zurück und verneigte sich vor seinen eigenen Händen. Bianca Isabella Christine Tiator, German Psychoanalytical Association; Mainz Psychoanalytical Institute ALS ER SICH AN DIE VERSAMMELTEN GÄSTE WENDEN WOLLTE, VERSAGTE IHM DIE STIMME. Dass ihm das mal passieren würde, hätte er nie gedacht. Er kannte dieses Gefühl gar nicht. Wohl hatte er schon andere davon sprechen hören und wusste, dass es solche seltsamen Phänomene gab – doch hatte er dies noch nie wirklich nachvollziehen können und hatte stets behauptet, diese anderen Schwächlinge stellten sich blöd an oder zogen irgendeine Show ab. Nun steckte er selbst in diesem Dilemma. Aber war es überhaupt ein Gefühl? Es war doch viel mehr ein dicker fetter, vielleicht schleimiger Klumpen, der da in seinem Hals steckte. Immer wieder versuchte er, ihn hinunterzuschlucken – denn ausspucken erschien ihm in dieser Situation doch eher fehl am Platz. Schließlich stand er hier auf der Bühne, für alle sichtbar, am Mikrophon… Das wäre ohne Frage ein eher absurder Anblick für diese feinen Pinkel dort unten, die ihn alle so erwartungsvoll anstarrten, wenn er hier und jetzt tatsächlich diesen glitschigen, schleimigen, stinkenden Klumpen ausspucken würde. Sicherlich würde auf der Bühne eine rotzige Schleimspur entstehen und alles würde glitschig flimmern und fluoreszieren und… Hach! Was für eine Vorstellung!
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