Writing Workshop at Lisbon Congress

Bianca Isabella Christine Tiator, German Psychoanalytical Association; Mainz Psychoanalytical Institute IHRE AUFMERKSAMKEIT WURDE AUF EIN STÜCK PAPIER AUF DEM SCHREIBTISCH GELENKT. Was war es, was es ihr ins Auge springen ließ? Warum das Papier, warum nicht irgendwelche andern Details in diesem Zimmer? Das Zimmer war voll von interessanten Möbeln und Teppichen, Gemälden an den Wänden und Spiegeln, die den Raum größer erscheinen ließen als er tatsächlich war. Er wirkte wie ein Raum in einem alten Schloss, einem Palast aus einer anderen Zeit. Doch alles war so ordentlich und symmetrisch angeordnet, dass es wohl eher einem Museum ähnelte, unbewohnt, unlebendig. Wenn nicht dieses Papier gewesen wäre. Es fügte sich so gar nicht in dieses Stillleben ein. Es wirkte einfach so dahin geworfen oder geflattert, achtlos fallengelassen. Es brachte Unordnung in diese vorherrschende Ordnung. Ja, das war der Grund, warum sie sich plötzlich sicher war: Das Papier musste der Schlüssel sein, den sie all die Jahre gesucht hatte. Der Schlüssel, der ihr endlich den entscheidenden Hinweis geben konnte, wie sie in das magische Land ihrer Kindheit zurückkehren konnte. Sie hatte Angst. Daher zögerte sie noch. Aber zugleich machte sich tief in ihr drin die absolute Gewissheit breit, dass sie es wieder tun würde. Sie würde gehen, um Isabella – wenn es sie dort noch gab, wenn sie dort noch lebendig war – zu retten. Julia Gerlach, DPG/German Psychoanalytic Society Ihre Aufmerksamkeit wurde auf ein Stück Papier auf dem Schreibtisch gelenkt. Es war rot und mit einem schwarzen Filzstift beschrieben. Das war ungewöhnlich. Wer hatte es dahin gelegt? Ein Duft nach frisch gebackenem Kuchen aus der Bäckerei unter ihrem Büro zog durch das offene Fenster und lenkte sie einen Moment ab. Sinnend starrte sie einen Augenblick ins Leere bevor sie den Bogen ergriff und die Brille zurechtrückte. Die Schrift war klein und etwas unleserlich. β€žWen du das liest, bin ich weg. Such mich nicht, es ist zwecklos. Manuel.β€œ Manuel? Was hatte das zu bedeuten und wie kam er in ihr Büro, vorbei an der Sekretärin, die wie ein Zerberus wachte und nur ausgewählte Leute, die angemeldet waren, hinein ließ. Sie ließ den Bogen sinken, nahm die Brille ab und starrte wieder ins Nirgendwo, als könnte sie dort etwas finden. Was sollte das heißen: Wenn du das liest, bin ich weg. Geschrieben in der für ihn typischen mangelhaften Orthografie. Wollte er sie verlassen, die Affäre beenden, sie bloßstellen? So eine Nachricht, ohne Umschlag, unverschlossen auf ihren Schreibtisch zu platzieren, so dass jede Putzfrau, ihre Sekretärin oder auch neugierige Besucher sie lesen konnten.

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