SAM focus 3-2026_Chan(g/c)e

PERSÖNLICH

Wenn Krisen neue Chancen schaffen

Als ich 2010 nach Guinea kam, um den HIV/ Aids-Bereich im Centre Médical in Macenta aufzubauen, dachte ich nicht, dass mich ei­ nes Tages vor allem eine Frage beschäftigen würde: Wie gelingt es, Verantwortung los­ zulassen? Das Centre Médical war seit den 1980er-Jah­ ren durch SAM global, in Guinea Mission Philafricaine (MPA), aufgebaut worden. Vie­ le Mitarbeitende waren Guineer, doch wich­ tige Entscheidungen, Finanzen und Abläufe lagen noch weitgehend in den Händen von Expats. Zwar hatten wir Mitarbeitenden Weiterbildungen ermöglicht und auf Lei­ tungsaufgaben vorbereitet, doch einen kon­ kreten Plan für die Übergabe gab es nicht. Dann kam die Ebola-Epidemie. Gleichzeitig schrumpfte unser Team durch Wegzüge und gesundheitliche Ausfälle. Von drei Expat- Ärzten blieb einer. Plötzlich standen wir vor einer Herausforderung, die wir nicht länger aufschieben konnten: Wie sollte die Zukunft des Spitals aussehen? Rückblickend war diese Krise eine Chance. Sie zwang uns, Prioritäten zu setzen und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ge­ meinsam mit dem Personal, Kirchenvertre­ tern und dem Gesundheitsministerium führ­ ten wir viele Gespräche. Es wurde diskutiert und gerungen. Sollten wir das Spital dem

Staat übergeben? Der Kirche? Oder weiter­ hin selbst führen?

2018 fanden wir gemeinsam einen neuen Weg. Das Centre Médical wurde zum «Centre Hospitalier Régional Spécialisé (CHRS) Macenta» umgewandelt. Ein Aufsichtsrat mit Vertretern des Gesundheitsministeriums, der Kirche, des Personals und der MPA übernahm die strategische Verantwortung. Im Alltag arbeitet das Spital seither eigenständig. Mit einer Zeremonie wurde die Verantwor­ tung offiziell übergeben. Heute erfüllt es mich mit Dankbarkeit zu se­ hen, was daraus entstanden ist. Das CHRS ist stabil aufgestellt, behandelt mehr Patientin­ nen und Patienten als früher und geniesst weiterhin einen guten Ruf. Die Vision ist die­ selbe geblieben: Menschen – besonders die ärmsten und verwundbarsten – sollen Hoff­ nung, Hilfe und Gottes Liebe erfahren. Diese Erfahrung hat mich einiges gelehrt: Veränderung braucht Zeit. Gute Leiter wach­ sen nicht über Nacht heran. Sie benötigen Ausbildung, Begleitung und die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Strukturen wichtig sind, aber allein nicht ausreichen. Werte wie Integrität, Vertrauen und gegenseitiger Res­ pekt geben einer Organisation langfristig Stabilität. Schliesslich habe ich erkannt, dass Gottes Timing oft anders ist als unseres. Damals fühlten sich die Krisen bedrohlich an. Heute sehe ich, dass Gott gerade diese schwierigen Umstände genutzt hat, um etwas Neues ent­ stehen zu lassen. Manchmal sind es genau die Herausforde­ rungen, die uns zwingen, alte Wege loszu­ lassen und neue Chancen zu entdecken.

David Leuenberger, seit 2010 Projektmitarbei­ ter ProEspoir in Guinea, 2010 bis 2020 mit der Familie in Macenta wohnhaft; seit 2015 Projektleiter; seit 2020 20% Teilzeitanstellung von der Schweiz aus zur Begleitung des CHRS Macenta; Oberarzt KSA

Feierliche Übergabe­ zeremonie des CHRS am 24.11.2018

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SAM FOCUS 3 | 2026

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