beyond 1|2026
Dr. Tobias Flessenkemper bei der Verleihung des Qualitätssiegels für Jugendzentren an die Europäische Jugendbildungsstätte Magdeburg (rechts im Bild Christian Scharf, Direktor der EJBM).
beyond: Bei der Informationsgewinnung spielt Künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle. Wie bewerten Sie das? Tobias Flessenkemper: Da sind wir wieder bei den Algorithmen und ihrer Funktionsweise. Ich wundere mich immer wieder, dass es der EU und anderen nicht gelingt, amerikanische Konzerne zur Offenlegung der Algorithmen zu zwingen. Es kommt aber noch etwas anderes hinzu. Die KI kann ja nur mit dem arbeiten, was sie vorfindet. Wenn die US-Regierung aus tausenden von Dokumenten politisch missliebige Begriffe löscht – zum Beispiel Native American, Gender oder Diversity –, dann sind die Begriffe auch von den Webseiten ver - schwunden, aus denen die KI schöpft, und dann entsteht möglicherweise in der KI ein neues Weltbild, das antide- mokratische Prozesse beschleunigen kann. Da sind wir also wieder bei den Inhalten. Ein anderes Beispiel: Im Zuge der Digitalisierung wurden in Schulen in Rechner und Monitore investiert, aber nicht in Lehrer*innen. Ins- gesamt braucht es mehr Aufmerksamkeit und Anerken- nung für Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, sei es in schulischer oder außerschulischer Bildung, vor allem auch Jugendorganisationen und andere Projekte junger Menschen. Allerdings wird stattdessen in vielen Ländern die Jugendarbeit gekürzt und immer mehr freie Orte, an denen junge Menschen sich treffen können, verschwin - den. Wir müssen physische und virtuelle Orte pflegen, an denen Menschen zusammenkommen und die uns helfen, die Grundlagen der modernen Welt zu verstehen. Das ist für mich Jugendinformation, die Demokratie lebt, stärkt und sichert.
beyond: Gibt es eine besondere staatliche Pflicht zur Jugendinformation?
Tobias Flessenkemper: Information gehört nicht Staa- ten. Die Europäische Menschenrechtskonvention enthält das Recht auf freie Meinungsäußerung und gewährleis- tet die Informationsfreiheit und Medienfreiheit. Diesen Rahmen haben demokratische Staaten sicherzustellen und damit ihre Verfassung umzusetzen. In diesem Rah- men braucht es eine aktive und wache demokratische Gesellschaft. Allerdings müssen wir auch die Lebenssitu- ation junger Menschen betrachten und da reicht es nicht aus, Jugendinformation einzig der Schule zu übertragen. Schule ist damit überfordert. Wir brauchen eine Vielfalt unterschiedlicher Informations- und Bildungskanäle, bei denen Jugendarbeit eine wichtige Rolle spielen kann und muss. Das gilt auch für den Privatsektor. Wir kennen alle die Kampagnen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute Bundesinstitut für öffentliche Gesund - heit), aber die Älteren unter den Leser*innen erinnern sich sicher auch an BRAVO und die Aufklärungskolumne von „Dr. Sommer“, mit der Wichtiges geleistet wurde. Wir müssen also über die Qualität von Information und nicht über den Kanal sprechen. Deshalb sind Netzwerke wie ERYICA auf europäischer Ebene wichtig. Dort werden Standards entwickelt, die von allen angewendet werden können. Wäre Information allein Aufgabe des Staates, würden sich der Kreml und die Kommunistische Partei Chinas ins Fäustchen lachen und sich darin bestätigt sehen, dass es Zensur im Westen genauso gibt.
Kontakt Tobias Flessenkemper
Leiter der Jugendabteilung Direktorat für Demokratie Europarat, Straßburg (Frankreich) coe.int/en/web/youth Instagram: @coe_youth
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