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PERSÖNLICH

Wenn Wasser trennt – und verbindet

Ein neuer Brunnen ist eigentlich ein Grund zur Freude – so sollte man meinen. Doch manchmal bringt er auch das Gegenteil ans Licht. Diese Geschichte ereignete sich im Dorf Sa­ pucaia*, in einer sehr trockenen Region Bra­ siliens. Das Wasser des bestehenden Brun­ nens reichte für die rund 25 Familien schon lange nicht mehr aus. Teilweise floss über mehrere Tage hinweg kein Tropfen. Viele Menschen mussten weite Strecken zurückle­ gen oder andere um Wasser bitten, um ihren Alltag überhaupt bewältigen zu können. Aus diesem Grund entschieden wir uns, ei­ nen neuen Brunnen zu bohren. Während der Installation der Pumpe und der Wasserlei­ tungen halfen uns Maria* und ihre Familie sowie einige Verwandte tatkräftig mit. Gleichzeitig fiel mir auf, dass die anderen Dorfbewohner nicht erschienen waren. Diese Frage beschäftigte mich – bis mich am sel­ ben Tag Franzisca* ansprach. Sie begann, mir von einer Geschichte zu er­ zählen, die viele Jahre zurücklag. Damals hatte ein Politiker für Marias Familie einen Brunnen bauen lassen. Dieser lieferte reich­ lich Wasser, sodass sie es sogar zum Baden nutzen konnten. Franziscas Familie hinge­ gen hatte keinen Zugang dazu. Sie mussten zusehen. Aus dieser Situation entstand mehr als nur ein praktisches Problem. Über die Jahre hat­ ten sich Misstrauen, Neid und Verletzungen aufgebaut. Die Frage «Warum sie – und wir nicht?» blieb bestehen. Und genau dieser alte Konflikt war nun wieder präsent. Franziscas Familie hatte Angst, dass sich die Geschichte wiederholen würde und das Wasser erneut nicht mit allen geteilt würde.

Martin Baumann, Seit über 30 Jahren in Brasilien im Einsatz

Die ersten Leute freuen sich über das köstliche Nass.

Diese Schilderung machte mich nachdenk­ lich. Wir hatten im Vorfeld doch klar kom­ muniziert, dass das Wasser für alle gedacht ist und gemeinsam genutzt werden soll. Um die Situation zu klären, bat ich Maria dazu. Doch die Emotionen waren auf beiden Sei­ ten so stark, dass das Gespräch schnell in einen heftigen Streit überging. In diesem Moment sagte ich zu Maria: «Giesse nicht noch mehr Öl ins Feuer. Bitte schweig.» Dann zog ich mich zurück. Etwa zwei Tage später erhielt ich eine Sprachnachricht von Maria. Sie hatte das Ge­ spräch mit Franzisca gesucht. Beide Frauen hatten sich Zeit genommen, einander zuzu­ hören – und schliesslich Frieden geschlossen. Als wir in der darauffolgenden Woche ins Dorf zurückkehrten, um die Installation ab­ zuschliessen, hatte sich die Situation deut­ lich verändert. Nicht mehr nur sechs Fami­ lien interessierten sich für den Brunnen, sondern alle 25. Missverständnisse waren geklärt worden, und es war möglich gewor­ den, einander zu vergeben. Schritt für Schritt war Vertrauen neu gewachsen. Bald werden wir diesen Brunnen einweihen. Und wir freuen uns heute doppelt: über das Wasser – und über die Versöhnung. *Name geändert

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SAM FOCUS 2 | 2026

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