USA-Special 2022: Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch

Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch

USA-Special 2022

Expertise

Vorwort

Die Vereinigten Staaten von Amerika – ein Land, das mit seinen knapp 330 Millionen Einwohner*innen und einer Fläche, in die Deutschland ganze 27-mal hinein- passen würde, schon allein durch seine Größe hervor- sticht. Ca. 87 Millionen junge Menschen zwischen 10 und 29 Jahren wachsen in diesem Land der Superlative, einem Land des Fortschritts und der Vielfalt auf. Deutschland und die USA verbindet eine jahrzehnte- lange Freundschaft. Gleiche Wurzeln, gemeinsame demokratische Werte und eine in erheblichem Maße geteilte (Jugend-)Kultur spannen ein unsichtbares Band über den Atlantik. Kaum ein anderes Land vermag es, so beständig den Weg in unsere Nachrichten, auf unsere Smartphones und in unsere Wohn- und Jugend- zimmer zu finden. Es überrascht daher nicht, dass das Land für Schüler*innen und Studierende nach wie vor zu den beliebtesten Zielen für ein Auslandsjahr zählt. Die Kultur der Vereinigten Staaten zieht junge Men- schen in Deutschland in ihren Bann. Die Nutzung sozia- ler Medien schafft dabei zunehmend eine neue Art der Nähe und gewährt Einblicke in das Leben und die Interessen amerikanischer Jugendlicher – ungefiltert und ohne Zeitverschiebung. Dabei geht das gegen- seitige Interesse der jungen Generation schon lange über Musik, Filme und die neuesten TikTok-Challen- ges hinaus. Junge Menschen teilen online auch ihre Sorgen, hinterfragen Werte, gesellschaftliche Normen und soziale Konstrukte. Binnen Sekunden können in diesem Zusammenhang Hashtags und ganze sozia- le Bewegungen aus den USA nach Deutschland über- schwappen (#metoo, #blm etc.). Umso wichtiger ist es, das Interesse der jungen Menschen aneinander aufzugreifen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich im Rahmen von internationalen Projekten persönlich zu begegnen, voneinander zu lernen und gemeinsam Pläne zu schmieden.

In der Internationalen Jugendarbeit sind Austausche mit den USA im Vergleich zum schulischen und akade- mischen Austausch seltener. Doch es gibt sie, die Pro- jekte, die den Schritt über den großen Teich wagen. Es sind Austausche, die aus lang gewachsenen Freund- schaften, einer gemeinsamen Passion für Musik oder dem unermüdlichen Einsatz für Partizipation und poli- tische Bildung entstanden sind. Projekte, die zwischen Freiheitsstatue und French Fries tief eintauchen in ame- rikanisches Leben mit all seinen Facetten und dabei ein Land in den Blick nehmen, das Deutschland so ähnlich und doch wieder ganz anders ist. Die Autor*innen und Interviewpartner*innen in diesem USA-Special beweisen, dass sich ein Austausch mit den USA für alle Beteiligten lohnt, allen voran für Jugendliche, unabhängig davon, wo sie herkommen, was sie mit- bringen und wofür sie sich interessieren. Sie zeigen die große Vielfalt, die den deutsch-amerikanischen Jugend- austausch ausmacht, mit unterschiedlichen Formaten und Themen, die an die Lebenswelten junger Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks anknüpfen. Lassen Sie sich durch unser USA-Special inspirieren und organisieren Sie eine eigene transatlantische Aus- tauschmaßnahme, um jungen Menschen aus Deutsch- land und den USA die Möglichkeit zu geben, einander zu begegnen, sich ein eigenes Bild vom Anderen zu machen und die deutsch-amerikanische Freundschaft mit Leben zu füllen. Es gibt viel zu entdecken in einem Land, des- sen 50 Bundesstaaten zwischen Hollywood und Weißem Haus diverser nicht sein könnten.

Ihr Redaktionsteam

Elena Neu, Natali Petala-Weber und Cathrin Piesche

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Inhalt

4. Städtepartnerschaften

Vorwort

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1. Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit

Tri-City-Fachkräfteaustausch: Chicago-Hamburg-Birmingham

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Gabriele Scholz, Landesjugendamt Hamburg Seit 40 Jahren im Jugendaustausch mit den USA

Deutsch-Amerikanischer Jugendaustausch

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Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in Berlin

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Axel Wiese, DAG Wilhelmshaven-Friesland

2. Politische Bildung

5. Workcamps

Politische Bildung als Kernstück des transatlantischen Austauschs Katja Greeson, Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten Ambassadors in Sneakers – A Young Leaders’ Transatlantic Summer Academy on Human Rights  Anna Steinbrich und Felix Weinmann, d. a. i. Tübingen Förderung von Jugendbeteiligung in den USA und Deutschland

Workcamps der Kolping Jugend- gemeinschaftsdienste in den USA Annette Fuchs mit Andy Gracklauer und Friederike Knörzer, Kolping JGD

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6. Schüleraustausch

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Der Schüleraustausch mit den USA hat Tradition

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Anna Wasielewski, AJA – Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch Interkultureller Austausch und ein Blick über den Tellerrand für Jugendliche und Gastfamilien 47

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Ein Interview mit Robert Fenstermacher vom American Council on Germany Mit YouthBridge von München nach New York

Im Gespräch mit Bettina Wiedmann und Rüdiger Muermann von Experiment e. V. und Partnership International e. V. Impressum

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Eva Haller und Daniela Greiber, Europäische Janusz Korczak Akademie

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3. Jugend in den USA

Aufwachsen in New York und Berlin: Transatlantische Straßensozialarbeit in der BronxBerlin Connection

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Ein Interview mit Olad Aden von Gangway Berlin Jugendarbeits- und Menschenrechtsprojekte in der Pine Ridge Reservation  Michael Koch, ehem. Mitarbeiter Jugendkulturbüro Offenbach „Wir haben noch acht Jahre, so let’s go !“

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Ein Interview mit Katharina Maier über Fridays for Future in den USA

Für Infos, Termine, Ausschreibungen

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DEUTSCH-AMERIKANISCHE ZUSAMMENARBEIT

Deutsch-US-Amerikani- sche Beziehung Deutsch- Amerikanischer Jugendaustausch

Bettina Heinen-Koesters, The Exchanges Team of the U.S. Embassy Berlin, Germany

gggOlorit doluptiaspic totaqui ationest, as et eum andistet ut volupta tistinv eligniam sequi omnis dis sunt. Ignis eosae. Reicipsamus volorercia quidis nisit estrum, odiorionse prestiu mquasitaere prest, sunt eos aute dem venimosandae volupta saperiatur simi, sed quae exersped erum faccus, odi im dolupid et aperspel ius, nos eum ut unt, cus am laborerem ut faccus accaessed et quiatem que iur sam dolupis sus moluptaque vent exere sequi dolor- rumque landae explisi magnat ium vellibus, si nis proribus dolum quid quam que plaborpos modi nimaxim earciendi odiam, que volorepe vendiorempor moluptatas secto essi- met quis in resto magnim dolut et facea dus, id et reruptas con cusam et ex excea conest essimpo „Der internationale Bildungsaustausch ist momentan das wichtigste Projekt, um die Humanisierung der Menschheit so weit voran­ zubringen, dass die Menschen hoffentlich lernen, in Frieden zu leben und eines Tages vielleicht sogar konstruktiv zusammenzuarbeiten, statt in einem sinnlosen Wettbewerb der gegenseitigen Zerstörung miteinander zu konkurrieren.“

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

Senator William J. Fulbrights Worte anlässlich des 30. Jahrestags seines legendären Austauschprogramms sind auch heute noch zutreffend. Das gegenseitige Verständnis zwischen verschiedenen Kulturen ist das Herzstück eines jeden erfolgreichen Austauschprogramms, und die zwischenmenschlichen Beziehungen sind das Rückgrat. Austausch schafft dauerhafte Verbindungen zwischen Ländern, und der Austausch zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, der zu den umfangreichsten und vielschichtigsten gehört, spielt in der Geschichte der trans­ atlantischen Beziehungen eine überragende Rolle.

Berlin, 1962: Amerikanische Austauschstudent*innen am Checkpoint Charlie.

Wie es dazu kam Der moderne deutsch-amerikanische Aus- tausch entwickelte sich nach den beiden verheerenden Weltkriegen als wesent- licher Bestandteil des Fundaments für einen dauerhaften Frieden. Kurz nach dem Ers- ten Weltkrieg führten amerikanische Orga- nisationen Kurzprogramme ein, um die amerikanische Jugend zu ermutigen, ins Ausland und nach Deutschland zu gehen. Während des Zweiten Weltkrieges liefen diese Programme weiter. Allerdings bestand die größte Herausforderung darin, zuver- lässige Beförderungsmöglichkeiten zwischen den USA und Europa zu finden. Einige Teil - nehmer*innen, die dieses friedensschaffende Potenzial des Austauschs nutzen wollten, überquerten den Atlantik paradoxerweise auf Truppentransportschiffen.

In seiner dritten Amtseinführungsrede 1941 hob Präsident Franklin D. Roosevelt die Bedeutung einer kulturübergreifenden Ver- ständigung hervor. Er beschrieb eine Zukunft, in der zwischenmenschliche Diplomatie im Mittelpunkt stehen und die Rolle des Einzel- nen beim Erhalt von Sicherheit und Frieden ein Markenzeichen der amerikanischen Außen- politik der Nachkriegszeit bilden würden: „Eine Nation hat, ebenso wie jeder Mensch, einen Verstand – einen mündigen und wachen Ver- stand, der die Hoffnungen und Bedürfnisse seiner Nachbarn kennt […].“ Es verwundert nicht, dass die Vereinigten Staaten die strategische Bedeutung der gegenseitigen Verständigung als wichtigen Bestandteil einer idealen Außenpolitik der Nachkriegswelt sahen. Bereits einen Monat nach Kriegsende wurde das Gesetz über

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Deutsch-Amerikanische Zusammenarbeit

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte die jünge- re Generation der Deutschen eine zunehmende Skepsis gegenüber den Vereinigten Staaten. Dass nachfolgende Generationen im Hinblick auf die transatlantischen Beziehungen nicht mehr den gleichen positiven histo- rischen und kulturellen Bezugsrahmen hatten, gab den Anstoß für die Einführung des Parlamentarischen Paten- schafts-Programms (PPP). Die US-Senatoren John Heinz und Dick Lugar schlugen ein deutsch-amerikanisches Jugendaustauschprogramm unter der Schirmherrschaft des US-Kongresses und des Deutschen Bundestags vor. Senator Lugar erläuterte die Überlegungen im Senat wie folgt: „Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind einzigartig. Sie bauen auf den Trümmern des Zwei- ten Weltkrieges auf, auf der Erfahrung von Besatzung und Wiederaufbau, auf der Wiedereingliederung West- deutschlands in Westeuropa [...].“ 2 Inzwischen ist das Parlamentarische Patenschafts- Programm fast 40 Jahre alt. Das einjährige Stipendium bringt 350 amerikanische und 360 deutsche Highschool- Schüler*innen, Berufsschulabsolvent*innen und junge Berufstätige in das jeweils andere Land. Rund 28.000 Deutsche und Amerikaner*innen haben bisher daran teilgenommen. Darüber hinaus finanzieren das US-Außenministerium und das Auswärtige Amt gemeinsam das German- American Partnership Program (GAPP) , das 2022 sein 50-jähriges Bestehen feiert. Es ermöglicht Schulpartner- schaften und kurzzeitige Gruppenaufenthalte von Schü- ler*innen aller Schularten in beiden Ländern. Jährlich nehmen fast 9.000 Jugendliche teil. Annähernd 350.000 Jugendliche sind bisher mit dem Programm gereist. Neben den vorgestellten Programmen gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten von privaten Anbietern und Vereinen, die neben dem Schüleraustausch z. B. auch Au-Pair- und Camp-Programme anbieten. Und heute? Austauschprogramme spielen sowohl außen- und sicherheitspolitisch als auch gesellschaftlich eine wich- tige Rolle, da sie Integration, Chancengleichheit, Vielfalt

Washington, D.C., 1961: Der Festwagen zum People-to-People Programm passiert auf der Parade anlässlich der Antrittsrede die Tribüne mit Präsident Kennedy.

überschüssige Kriegsgüter (Surplus Property Act) von 1944 auf Initiative von Senator Fulbright geändert, sodass nur durch den Verkauf nicht mehr benötigter US-Kriegsgüter die „Förderung des internationalen guten Willens durch den Austausch von Studierenden“ finanziert werden konnte. Schon 1945 legte er den Grundstein für das Austauschprogramm, das seinen Namen trägt: das Fulbright-Programm. 2022 feiert das deutsch-amerikanische Fulbright-Programm, das 1952 ins Leben gerufen wurde, sein 70-jähriges Bestehen. Rund 40.000 Deutsche und Amerikaner*innen haben bisher daran teilgenommen. 1956 brachte US-Präsident Dwight D. Eisenhower das Jugendaustauschprogramm People-to-People auf den Weg. Die endgültige rechtliche Grundlage für den aka- demischen Austausch der Nachkriegszeit wurde 1961 mit dem Mutual Educational and Cultural Exchange Act geschaffen. Dieses auch als Fulbright-Hays Act 1961 bekannte Gesetz, das vom Kongressabgeordneten Wayne Hays aus Ohio mitinitiiert wurde, dehnte die Reichweite des Programms auf weitere Länder aus. Mit dem Gesetz wurde auch die Abteilung für Bildungs- und Kulturaustausch ( Bureau of Educational and Cultural Affairs – ECA ) im US-Außenministerium geschaffen, die heute mit 160 Ländern weltweit Programme durchführt und an denen über eine Million Deutsche und Amerika- ner*innen teilgenommen haben.

1 Aus einer Rede anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Fulbright-Programms 1976. 2 Sitzungsprotokoll des Kongresses, Bd. 129, Washington, Donnerstag, 22. September 1983, Nr. 123, S. S12679.

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

und staatsbürgerliche Verantwortung fördern. Austausch- programme stehen allen Schüler*innen und Studieren- den aus Deutschland und den Vereinigten Staaten offen. Aufgrund unterschiedlicher Zugangs- und Finanzierungs- möglichkeiten sowie unterschiedlichen Wissens um die Programme nehmen jedoch nicht alle teil. Obwohl es sich bei den drei zuvor genannten Program- men um Stipendienprogramme handelt, sind bestimmte demografische Gruppen von Jugendlichen in Austausch - programmen generell schwach vertreten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Einbindung dieser wichtigen Gruppen bleibt eine zentrale Herausforderung, die es im Einklang mit den Kernzielen von Austauschprogrammen zu bewältigen gilt. Um dieses Ungleichgewicht etwas zu korrigieren, gibt es speziell auf diese schwach repräsentierten Gruppen ausgerichtete Programme. Das nach dem ehemaligen Kongressabgeordneten benannte Benjamin A. Gilman International Scholarship Program beispielsweise bietet amerikanischen Studierenden mit begrenzten finanziel - len Mitteln Stipendien für ein Studium oder Praktikum im Ausland an. In diesem Bewusstsein entwickelt auch die US-Ver- tretung in Deutschland seit den 1990er-Jahren gemeinsam mit deutschen Partnern neue und erfolg- reiche Modelle, die auf schwach repräsentierte deut- sche Zielgruppen zugeschnitten sind, wie beispielsweise das auf ehrenamtliches Arbeiten ausgerichtete USA For You für Schüler*innen, die einen ersten oder mittleren Schulabschluss anstreben. Nachdem die meisten Austauschprogramme auf- grund der COVID-Pandemie seit 2020 eingestellt wur- den, werden vermehrt digitale Angebote genutzt. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sie den Präsenzaus- tausch nicht gleichwertig ersetzen können. Gleichzeitig führten sie aber zu einer breiteren Beteiligung von Jugendlichen und können daher ein erster Schritt in ein Präsenzaustauschprogramm sein.

Washington, D.C.: Präsident Eisenhower heißt 760 Austauschstudent*innen im Weißen Haus willkommen.

Jetzt erst recht Austauschprogramme werden auch weiterhin ein wich- tiger Impulsgeber für Frieden, staatsbürgerliches Enga- gement und Chancengleichheit sein. Sie haben nicht nur im Rahmen der transatlantischen Beziehungen ihren diplomatischen Nutzen bewiesen, sondern weltweit. Ein Austausch ist eine prägende Erfahrung, die Vor- urteile über andere Nationalitäten und Kulturen abbaut und bedeutsame lebenslange Verbindungen schafft. Er hat das Potenzial, Jugendlichen aufzuzeigen, wie wir Klimawandel, nachhaltiges Wirtschaften und Extremis- mus sowie andere Herausforderungen gemeinsam bewältigen können. US-Außenminister Antony Blinken sagte in einer Rede zur Wirkung von Cultural Diplomacy : „Der zwischenmenschliche Austausch lässt unsere Länder näher zusammenrücken. Austausch kann Menschen dazu bringen, ihre gemeinsame Menschlichkeit zu erkennen, gemeinsame Ziele zu entwickeln, andere von unserer Sichtweise zu überzeugen und die Geschichte der Vereinigten Staaten auf eine Weise zu erzählen, wie es Politik oder Reden niemals könnten.“

Wenn Sie jemanden kennen, der bereit ist für eine lebensverändernde Erfahrung – hier geht die Reise los: Education & Exchanges

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DEUTSCH-AMERIKANISCHE ZUSAMMENARBEIT POLITISCHE BILDUNG

Deutsch-US-Amerikani- sche Beziehung

Politische Bildung als Kernstück des transatlantischen Austauschs

Bettina Heinen-Koesters, Katja Greeson

gggOlorit doluptiaspic totaqui ationest, as et eum andistet ut volupta tistinv eligniam sequi omnis dis sunt. Ignis eosae. Reicipsamus volorercia quidis nisit estrum, odiorionse prestiu mquasitaere prest, sunt eos aute dem venimosandae volupta saperiatur simi, sed quae exersped erum faccus, odi im dolupid et aperspel ius, nos eum ut unt, cus am laborerem ut faccus accaessed et quiatem que iur sam dolupis sus moluptaque vent exere sequi dolor- rumque landae explisi magnat ium vellibus, si nis proribus dolum quid quam que plaborpos modi nimaxim earciendi odiam, que volorepe vendiorempor moluptatas secto essi- met quis in resto magnim dolut et facea dus, id et reruptas con cusam et ex excea conest essimpo Mit dem Pilotprojekt Transatlantic Exchange of Civic Educators (TECE) hat sich der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten (AdB) 2021 auf wenig erforschtes Terrain begeben. Trotz einer deutsch-amerikanischen Verbindung im Bereich der politischen Bildung und Jugendarbeit im Rahmen der US-amerikanischen Reeducation -Bemühungen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sind Theorie, Praxis und Strukturen politischer Bildung in beiden Ländern seither getrennt voneinander gewachsen – vor dem Hintergrund zweier unterschiedlicher kultureller und sozioökonomischer Landschaften. Das bietet viel Potenzial für Austausch.

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

Im Rahmen des TECE-Fellowships haben wir seit Juli 2021 außerschulische politische Bildner*innen aus den USA und Deutsch- land in digitalen und persönlichen Austausch gebracht und dabei zahlreiche Organisationen aus beiden Ländern einbezogen. Unser Ziel war und ist es, herauszufinden, ob die Heraus - forderungen und Strukturen der politischen Bildung in beiden Ländern für einen frucht- baren Austausch kompatibel sind und wel- che Formate und Themen sich am besten für einen deutsch-amerikanischen Wissens- und Erfahrungstransfer eignen. Unsere konkreten Ziele waren dabei: » Die gesellschaftlichen Trends und den Stand der politischen Bildung, d. h. Strukturen, Themen und Besonder- heiten in den USA und Deutschland besser verstehen. » Einen Pool von transatlantischen Multiplikator*innen und konkreten Partnerschaften für zukünftige Projekte aufbauen. » Innovationen und Lerntransfer durch Peer-Learning und Austausch von Good Practice für die entsendenden Organisationen ermöglichen. Nach fast einem Jahr Projektlaufzeit können wir ein erstes Zwischenfazit über unsere Erkenntnisse ziehen. Primetime für politisches Lernen Die politische Bildung bzw. civic education in den USA erlebt derzeit einen sog. „Sputnik- Moment“. Neue Gesetze auf Bundes- und Landesebene und neue Finanzierungsmöglich- keiten sprießen nunmehr aus dem Boden, da politische Entscheidungsträger*innen und die Öffentlichkeit die Bedeutung politischen Ler -

nens für eine gesunde Demokratie erkannt haben. Mit der erhöhten Aufmerksamkeit geht jedoch auch eine zunehmende Hinterfragung politischer Bildung einher. In einer Gesell- schaft, die mit einer starken politischen Pola- risierung kämpft, wird politische Bildung ver- mehrt in parteipolitische Debatten verwickelt, in denen es darum geht, wie man z. B. Race und Aufarbeitung unterrichtet, welche Rolle Neutralität in der Bildung spielt und welche Methoden akzeptabel sind, um junge Men- schen für Partizipation zu gewinnen. Ähnliche Herausforderungen drohen auch politischen Bildner*innen in Deutschland. Da politische Bildung in beiden Ländern derzeit im Rampen- licht steht, ist die Möglichkeit, voneinander zu lernen, umso wichtiger. Kompatibilität der Strukturen Im Vergleich zum deutschen Bereich der außerschulischen politischen Bildung, könn- te man den US-amerikanischen Bereich als dezentralisierten „Wild Wild West“ bezeichnen. Da es keine nationale Jugendpolitik gibt, sind Politik und Praxis auf regionaler, bundesstaat- licher und lokaler Ebene sehr unterschied- lich. Verglichen mit der soliden öffentlichen

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Politische Bildung

Finanzierung und den öffentlich geförderten Ein - richtungen in Deutschland stützt sich die Finanzierung in den USA eher auf private Stiftungen und Einzel- spenden. Während in Deutschland vielschichtige Netz- werke bestehen, die das Feld organisieren, stecken Bemühungen um den Aufbau eines vernetzten Berufs- feldes in den USA noch in den Kinderschuhen.

das weniger klar. Durch die Aufnahme von „civic edu- cators“ in den Projekttitel erweckten wir ungewollt den Eindruck, das Projekt sei für Lehrer*innen gedacht. Die Hinzufügung von „non-formal“ oder „out-of-school“ in der Beschreibung trug wenig zur Klärung bei, so dass wir schließlich zu einer allgemeinen Beschreibung von „professionals working toward the civic development of

young people (ages 14–29)“ übergingen. Auch wenn dies ein kleines oder unbedeutendes Detail in unserem Rekrutierungs- prozess zu sein scheint, zeigt es doch, wie wich- tig es ist, inmitten unter- schiedlicher Strukturen auch wirklich kompatible Partner zu identifizieren. Letztendlich umfasst die Gruppe US-amerikanischer Teilnehmender nun eine Vielfalt von Fachkräften, die in unterschiedlichen Funk­

Ein ent- scheidender Unterschied, der auch im Rahmen des TECE-Projekts oft deutlich wurde, ist die Fokussierung auf die formale Bildung als Ort des civic learning in den USA, während non- formale Lernumgebungen weit weniger im Mittel- punkt stehen. Civic edu- cation wird weitgehend als Aufgabe der Schulen gesehen – ein Erbe der Gründerväter der USA und deren Ideen über öffentli - weiterer

che Bildung. Sicherlich spielen die Grundsätze der non- formalen Bildung auch in formalen Bildungskontexten eine Rolle, der Begriff „non-formal“ wird jedoch nicht verwendet und es gibt keine klare Trennung zwischen formalem, non-formalem und informellem Sektor. Viele NGOs aus dem Feld politischer Bildung arbeiten eng mit Schulen zusammen. Maßnahmen politischer Bildung, die außerhalb des formalen Bildungsbereichs stattfinden, nehmen dann verstärkt handlungsorientiertere Formen an, z. B. in den Bereichen Forschung ( youth participatory action research ), Jugendorganisation und Interessens- vertretung (y outh organizing ) und Lernen durch Engage- ment ( service learning ). Diese strukturellen Unterschiede im Feld selbst geben Raum für Inspiration und neue Ideen, aber sie schaf- fen auch Komplikationen bei der Entwicklung von Austauscherfahrungen. Mit TECE wollten wir eine Gelegenheit speziell für außerschulische Bildner*in- nen schaffen – eine Gruppe, die im Vergleich zu Lehr - personal nur begrenzten Zugang zu transatlantischen Austauschmöglichkeiten hat. Im deutschen Kontext hatten wir eine klare Vorstellung davon, wer zu dieser Gruppe gehört und wie wir dies in der Ausschreibung kommunizieren konnten. Auf amerikanischer Seite war

tionen an Universitäten arbeiten, solchen, aus nationalen NGOs, die Lehrpersonal ausbilden und Methoden ent- wickeln, sowie Fachkräften aus lokalen gemeinnützigen Organisationen, die sich mit sog. community organizing , also dem Aufbau von Bürger*innenplattformen befassen. Trotz der unterschiedlichen Arbeitsumgebungen, For- mate, Themen und sogar Zielgruppen gibt es eine klare gemeinsame Basis: Die Arbeit über diese strukturellen Kontexte hinweg kann für alle Beteiligten von Vorteil sein, dadurch dass sie über den eigenen Tellerrand hinaus­ blicken. Dass die bestehenden Unterschiede gesehen und verstanden werden, ist dabei Voraussetzung. Eine gemeinsame Sprache finden In jedem mehrsprachigen internationalen Austausch ist die Kommunikation ein zentraler Faktor. Dies gilt umso mehr, wenn die Programmsprache die offizielle Sprache eines der beteiligten Länder ist, was zu einem Macht­ ungleichgewicht führen kann. Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache geht jedoch über die Frage nach Herkunfts- und Fremdsprache hinaus.

Anders als in der europäischen Jugendarbeit muss eine gemeinsame transatlantische Arbeitssprache und

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

Das bloße Erlernen von Vokabeln und Definitionen reicht nicht aus, um Denk- muster und Vorurteile zu überwinden, die auf dem basieren, was unsere Sprache uns zu kommunizieren erlaubt.

Terminologie dahingehend, wer wir als Fachkräfte sind und was wir im Bereich der Jugendarbeit und des civic learning tun, erst noch entwickelt werden. Um sich mit Themen in der Tiefe auseinander- setzen zu können, müs- sen die Teilnehmer*innen zunächst Begrifflichkeiten

zu überwinden: die Entfernung und die Reisekosten, die Zeitzonen und der Mangel an institutioneller Unter- stützung und Finanzierungsmöglichkeiten. Angesichts dieser Herausforderungen müssen wir über den trans- atlantischen Austausch neu nachdenken. Seit März 2020 muss der Bereich der Internationalen Jugendarbeit nach neuen Modellen und Ansätzen für seine Arbeit suchen. Anstatt zu versuchen, unser traditionelles Kon- zept der Internationalen Jugendarbeit in den deutsch- amerikanischen Kontext einzupassen, können wir diese Gelegenheit nutzen, um Formate Internationaler Jugendarbeit neu zu überdenken und nachhaltigere, kosteneffizientere und zunehmend digital vernetzte Ansätze im transatlantischen Raum zu identifizieren und zu testen. Blick in die Zukunft Ein „negativer“ transatlantischer Wissenstransfer, bei dem teils im Verborgenen, teils ganz offen rechtes Gedankengut und Ideen weißer Vorherrschaft aus- getauscht werden, hat sich über die Jahre längst etabliert. Eine Teilnehmerin am TECE-Fellowship merkte treffend an, dass wir dringend einen entgegenwirkenden, „positi- ven“ Wissenstransfer im Bereich der politischen Bildung und Jugendarbeit brauchen, um dem einen dazu passen- den Gegenpol zu setzen. Es gibt viel voneinander zu ler- nen: über unterschiedliche thematische Schwerpunkte und Strukturen, über unterschiedliche gesellschaftliche Selbstverständnisse, über Vorstellungen von der Rolle des Staates und Ideen darüber, was es heißt ein*e gute*r Bürger*in zu sein. Uns hat die Erfahrung im TECE-Fellow- hip in unserer Überzeugung bestärkt, dass der Dialog unbedingt fortgesetzt werden muss. Der deutsch-ame- rikanische Austausch auf dem Gebiet der politischen Jugendbildung bietet uns diese Möglichkeit. Katja Greeson ist Projektreferentin beim Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. und leitet das Projekt Transatlantic Exchange of Civic Educators (TECE). Ursprünglich aus North Carolina, war Katja in den USA in der politischen Jugendorganisation und Kampagnen- arbeit tätig, bevor sie sich auf politische Bildung und Jugendarbeit im transatlantischen Kontext konzentrierte. Sie ist studierte Politik­ wissenschaftlerin mit Master-Abschlüssen von der University of North Carolina at Chapel Hill und der Universitat Pompeu Fabra, Barcelona.

und Konzepte klären, sich mit derem jeweiligen Ver- ständnis auseinandersetzen und, wenn nötig, neues Vokabular entwickeln. Das bloße Erlernen von Vokabeln und Definitionen reicht nicht aus, um Denkmuster und Vorurteile zu überwinden, die auf dem basieren, was unsere Sprache uns zu kommunizieren erlaubt. Darüber hinaus ist es erforderlich, einen eigenen Raum für der- artigen Austausch und Erfahrungsprozesse zu schaffen. Obwohl wir in den jeweiligen Online-Sitzungen mit den Teilnehmenden Zeit für die Erkundung der Terminologie aufgewendet haben, wurden einige Unterschiede und Konzepte doch erst im Laufe des 10-tägigen Treffens in Weimar, Erfurt und Berlin deutlich. So konnte man bei- spielsweise beobachten, wie das Konzept non-formaler Bildung den amerikanischen Teilnehmenden immer ein- gängiger wurde und sie schließlich in die Lage versetzt wurden, eigene Überzeugungen zu hinterfragen und somit spannende Gespräche über die Praxis non-forma- ler Bildung für die gesamte Gruppe zu eröffnen. Darüber hinaus wurde deutlich, wie wichtig ein vertrauensvolles und geduldiges Umfeld bei sensibleren oder emotional aufgeladenen Themen wie z. B. Identität ist, wenn Men - schen mit unterschiedlichem Wissenshintergrund und unterschiedlichem Sprachgefühl in das Gespräch gehen. Ein Austauschformat sollte sich bewusst darum bemühen, die Sprache in den Mittelpunkt zu stellen, um zu verstehen, wie Sprache unser Verständnis ein- schränkt und gleichzeitig helfen kann, unsere Denkweise zu erweitern. Andernfalls besteht dauerhaft die Gefahr unklarer Gespräche und Verwirrung darüber, wie man kontextübergreifend arbeiten kann. Logistische Herausforderungen

Auf praktischer Ebene sind bei der Umsetzung des deutsch-amerikanischen Austauschs objektive Hürden

Web: tece-usde.org

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Politische Bildung

Ambassadors in Sneakers – A Young Leaders’ Transatlantic Summer Academy on Human Rights

Anna Steinbrich und Felix Weinmann

Ambassadors in Sneakers ist ein vierwöchiges Studienprogramm für je zwölf Jugendgemeinde­ rät*innen im Alter von 16 bis 20 Jahren aus Deutschland und den USA. Der thematische Fokus liegt auf den Menschenrechten, vor deren Hintergrund Kenntnisse über die politischen Strukturen beider Länder sowie die transatlantischen Beziehungen vermittelt werden. Auf gemeinsamen Reisen in Deutschland und den USA lernen die Jugendlichen Orte und Institutionen kennen, die für die Entwicklung und Verteidigung der Menschenrechte von besonderer Bedeutung sind, und vergleichen unterschiedliche Formen der Jugendbeteiligung.

Die Teilnehmenden treffen während des Programms auf Aktivist*innen, Zeitzeug*innen, Medienvertreter*innen und Politiker*innen, um von- und miteinander zu lernen, und tragen Erfahrungen und Ergebnisse in ihre Heimat- gemeinden hinein. Bei Aufenthalten, u. a. in Georgia und Alabama, wurde in den ersten beiden Projektjahren 2017 und 2018 intensiv die amerikanische Bürgerrecht- bewegung beleuchtet. 2019 verbrachten die „Botschaf- ter*innen in Turnschuhen“ jeweils eine Woche in Leipzig und Berlin sowie kurze Zeit später in Ann Arbor, Michi- gan, und Chicago, Illinois. Anna Steinbrich nahm als Ver- treterin des Jugendgemeinderats Vaihingen/Enz teil und berichtet. Neuer Blick auf die eigene Geschichte In Leipzig fing der interkulturelle Austausch an, noch bevor Team USA überhaupt eintraf. Team GERMANY bestand aus vier Teilnehmer*innen aus Sachsen sowie acht Baden-Württemberger*innen, von denen viele, inklusive mir, zuvor noch nie „im Osten“ gewesen waren.

An Dingen wie der sinkenden Bevölkerungsdichte merk- te ich, dass ein Stück Mauer irgendwie immer noch steht – und an unserem Schubladendenken von „dem Osten“ merkte ich, dass dies vor allem in unseren Köp- fen der Fall ist. Das ein oder andere Vorurteil gab es also zunächst schon, aber im Endeffekt war die Stadt gar nicht so anders – eben geprägt von ihrer einzigartigen und manchmal auch tragischen Geschichte.

Mein Highlight in Leipzig war das Museum in der „Runden Ecke“. In der ehemaligen Stasi-Zentrale ist

Ich musste daran denken, wie entspannt ich oft mit meinen Daten im Internet umgehe.

schon seit 1990 ein Museum, in dem man noch originale Ausstattung vorfindet. Das sorgt für eine authentische, fast schon unangenehme Atmosphäre und zeigt ein- drücklich die Methoden der Stasi. Ich musste daran den- ken, wie entspannt ich oft mit meinen Daten im Internet umgehe. Die Technik-Unternehmen, die zum Großteil in

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

den USA sitzen, sind bestimmt nicht mit der Stasi zu vergleichen, aber mir wurde vor Augen geführt, wie viel Macht Datenbesitz bedeutet. Kurze Nächte, lange Gespräche und ein Stückchen USA mitten in Berlin Zweiter Stopp: Berlin. Ob US-Botschaft, Konzentrationslager Sachsenhausen, Jüdi- sches Museum – unser Programm gab Anlass für viele Diskussionen. So wurden die abend- lichen Gespräche in Berlin immer länger und die Nächte kürzer. „Durch die EU ist Deutsch- land uns einfach einige Schritte voraus“, fasste ein amerikanischer Jugendlicher eines Abends den Zustand Deutschlands aus seiner Sicht zusammen. Bedingungsloser amerikanischer Patriotismus? Fehlanzeige! Auch wenn diese Aussage nicht alle unterschreiben würden, kamen so spannende Gespräche über Vor- und Nachteile der EU zustande. In der US-Botschaft kam uns sofort die kühle Luft der Klimaanlage entgegen und wir merk- ten, dass wir amerikanischen Boden betreten

hatten. Mit Kulturattaché David Mees unter- hielten wir uns über die Möglichkeiten, im diplomatischen Dienst Einfluss auf die Menschenrechtssituation in anderen Län- dern zu nehmen. Durch das Gespräch habe ich viel über die Wichtigkeit dieser Arbeit herausgefunden, aber bin auch zu dem Ent- schluss gekommen, dass der Job nichts für mich wäre. Später diskutierten wir mit den Initiatoren der Free Interrail -Initiative, dem Aktivisten-Duo „Herr&Speer“, über europäi- sche Identität und darüber, wie man auch als Mann Feminist sein kann. Ehrenamtliches Engagement und viel Leidenschaft Vier Wochen nach dem Deutschland- Programm flogen wir in die USA. In Ann Arbor angekommen, bemerkten wir überall das große gelbe oder blaue „M“ Logo der dort ansässigen University of Michigan und deren Sportteams. Sehr engagiert sind die Amerikaner*innen aber nicht nur im Sport, sondern auch in ihren Gemeinden. Die Bereitschaft, ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen, scheint in den →

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Politische Bildung

Raus aus der Komfortzone, rein ins politische Geschehen

Nach vielen Meetings feierten wir schließlich gemeinsam den Abschluss. Wir verbrachten den letzten Abend alle gemeinsam: 24 Jugendliche und vier Betreuer*innen, wobei nicht alle Augen trocken blieben. Am Morgen sagten wir Goodbye , was hoffentlich ein See you later ist.

Wir haben vier unglaub- lich informierende und inspirierende Wochen erlebt, uns dabei als Grup- pe super verstanden und viele neue Freundschaften geschlossen.

Am Morgen sagten wir „Goodbye“, was hoffentlich ein „See you later“ ist.

USA viel höher zu sein als in Deutschland. Zwar müssen die Bürger*innen in den USA oft weniger Steuern zahlen, dafür steht dem Staat entsprechend weniger Geld zur Verfügung und die Erfüllung vieler Aufgaben hängt statt- dessen vom Engagement Einzelner ab. Ein Beispiel ist die ehrenamtliche Mitwirkung in einer Kommission, die Vorschläge für Umweltschutzmaßnahmen ausarbeitet, über die der Gemeinderat anschließend diskutiert und abstimmt. Das sind zeitintensive Aufgaben, für die sich aber in Ann Arbor Menschen begeistern. Mit vier Klima- schutz-Aktivist*innen kamen wir ins Gespräch und merk- ten dabei, dass ihre Arbeit Einfluss hat – von der Nach - barschaft bis zum Uni-Campus, von der Lokal- bis zur Bundesebene. Für die letzte Programmwoche ging es mit dem Bus nach Chicago. Beim Schlendern durch die Stadt fielen uns die unzähligen Fast-Food-Ketten auf, deren Beliebt- heit leider auch ihren Preis hat: Meistens gibt es Einweg- Geschirr, auch Plastiktüten bekommt man hier überall umsonst. Von der Fridays for Future -Bewegung haben einige amerikanische Jugendliche noch nie etwas gehört. Chicago an sich ist aber eine sehr coole Stadt mit einer schönen Lage direkt am Wasser. Vertreter der Juvenile Justice Initiative erklärten uns, wie sie mit Richter*innen, Anwält*innen und Politiker*innen zusammenarbeiten, um die Rechtslage für Jugendliche in den USA zu verbessern. Diese bekommen dort oft unver- hältnismäßig hohe Strafen und die Bedingungen in den Gefängnissen sind – vor allem im Vergleich zu Deutsch- land – sehr schlecht. Der leidenschaftliche amerikanische Aktivismus, der oft von einzelnen Personen abhängt, fasziniert mich.

Mein persönliches Resümee: Durch das Programm habe ich viel gelernt, einen anderen Blick auf die USA – und auch auf Deutschland – erhalten. Zudem hat sich für mich bestätigt: Sich für gesellschaftliche Entwicklungen zu interessieren, sich zu engagieren und dabei aus der eigenen Komfortzone herauszutreten, lohnt sich. Im Sommer 2022 werde ich mein Bachelorstudium abschließen und möchte danach in der Politikberatung für Internationale Sicherheitsstrategien arbeiten – viel- leicht ja in Washington DC …

Ambassadors in Sneakers wurde konzipiert und wird durchgeführt vom Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen (d.a.i.). Es wird gefördert durch das Transatlantik-Programm der Bundesrepublik Deutschland aus Mitteln des European Recovery Program (ERP) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Anna Steinbrich (20) nahm als Vertreterin des Jugendgemeinde­ rats Vaihingen/Enz (Baden-Württemberg) an Ambassadors in Sneakers teil, weil sie den Kulturaustausch und Diskussionen über politische Themen liebt. Heute studiert sie Philosophy, Politics and Economics an der University of Oxford. Felix Weinmann ist stellvertretender Direktor des Deutsch- Amerikanischen Instituts Tübingen (d.a.i.) und Zuständiger für das Projekt Ambassadors in Sneakers .

Web: dai-tuebingen.de/projekte/ambassadors-in-sneakers.html

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

Förderung von Jugend­ beteiligung in den USA und Deutschland Ein Interview mit Robert Fenstermacher über das German-American Sister Cities Youth Forum In einer besonderen Veranstaltungsreihe brachte der American Council on Germany 2021 Vertreter*innen von Jugendräten aus fünf Städtepartnerschaften zusammen. Die Idee zu dieser Initiative kam von den Bürgermeister*innen der Städte selbst. In mehreren Online-Sessions und Web-Seminaren tauschten sich die jungen Menschen aus Austin/Koblenz, Buffalo/Dortmund, San Antonio/Darmstadt, Charlotte/Krefeld und St. Louis/Stuttgart zu Rassismus, Klimawandel und Jugendbeteiligung aus. Projektkoordinator Robert Fenstermacher wünscht sich in Zukunft mehr davon und berichtet IJAB von seinen Erfahrungen im German-American Sister Cities Youth Forum .

2021 brachte das German-American Sister Cities Youth Forum Jugendvertreter*innen aus Deutschland und den USA zusammen. Was ist die Idee hinter dem Projekt? Hauptzweck des Projekts war es, Vertreter*innen lokaler Jugendringe und Youth-Leadership-Programme von fünf deutsch-amerikanischen Städtepartnerschaften zusam- menzubringen, um über Fragen, mit denen ihre Kommu- nen konfrontiert sind, einen transatlantischen Dialog zu führen. Wir haben gehofft, nicht nur größeres gegenseiti - ges Verständnis und mehr Kooperation zwischen Jugend- lichen aufzubauen, sondern auch unsere Beziehungen und Verbindungen zwischen den Partnerstädten zu stär- ken, so dass die nächste Generation in diesen Kommu- nen künftige Austausche pflegen kann.

Wer hat diese Jugendbegegnung initiiert?

Diese Begegnung ist das direkte Ergebnis der Transat- lantic Town-Hall Meetings , die 2020 zwischen deutschen und amerikanischen Bürgermeister*innen derselben Partnerstädte stattfanden. Bei diesen Gesprächen ha- ben sich Teilnehmende darüber ausgetauscht, wie sich ihre Städte an die Pandemie angepasst haben und wie ihre Kommunen Zukunftspläne für verschiedene The- men entwerfen, darunter die städtische Entwicklung, der Klimawandel, soziale Gerechtigkeit und Kohäsion, das Engagement zwischen Staat und Bürger*innen sowie die Kommunikation mit Bürger*innen. Bei jedem Gespräch erwähnten die Bürgermeister*innen spezifisch die Not - wendigkeit, die Jugendlichen in ihren Gemeinschaften enger in diese Fragen einzubeziehen, und daher bot sich das Jugendforum als Projekt an.

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Politische Bildung

Raum fühlen, um diese Themen zu diskutieren und In- formationen offen zu teilen, denn es war uns bewusst, dass diese Themen teilweise sehr sensibel sind und es manchen schwerfallen kann, darüber zu sprechen. Da die Community dieses Projekts Jugendliche mit verschie- denem Hintergrund und aus verschiedenen sozialen Schichten repräsentiert hat, war es außerdem entschei- dend, dass jede*r die Meinungen und Perspektiven an- derer respektiert. Der Jugendbeirat für das Projekt hat deshalb schon früh ein Dokument mit „Richtlinien für die Kommunikation“ erarbeitet, das für alle Diskussio- nen Standards vorgab. Hierzu gehörte das Konzept eines safe words oder Signalwortes, um Gespräche zu beruhi- gen, falls es zu Anspannungen käme oder sich jemand attackiert oder beleidigt fühlen sollte. Ich fand es beein- druckend, dass die Jugendlichen derartige Richtlinien wollten, um einen zuverlässig sicheren Raum zu schaf- fen. Letztendlich waren jedoch alle unsere Gespräche konfliktfrei, sehr offen und transparent und unglaublich respektvoll. Wenn wir uns das zivilgesellschaftliche Engagement junger Menschen ansehen, was sind Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen der Arbeit junger Führungspersönlichkeiten in Deutschland und den USA? Für mich hat diese Jugendbegegnung vor allem heraus- gestellt, wie ähnlich das Engagement junger Menschen, die sich in ihren Kommunen mit Problemen auseinander- setzen, auf beiden Seiten des Atlantiks ist. In allen zehn Städten setzen sich Jugendliche leidenschaftlich für Wan- del ein, informieren sich über Themen und drängen Ent- scheidungsträger*innen an ihren Schulen und in ihren Kommunalverwaltungen, neue Richtlinien und Politiken umzusetzen. Ein Unterschied zwischen Deutschland und den USA ist vielleicht, dass viele der amerikanischen Ju- gendorganisationen unabhängige, gemeinnützige Orga- nisationen sind, während die deutschen Organisationen formal Stellen der Kommunalverwaltung angeschlossen sind und von diesen finanziert werden. In manchen Fällen bedeutet diese formale Verbindung, dass Jugendliche bei der politischen Gestaltung ein größeres Mitspracherecht haben. Während der Jugendbegegnung gaben Jugendli- che ihrem klaren Wunsch Ausdruck, dass ihre Perspek- tiven gehört werden sollen. Teilnehmenden gefiel daher das Konzept offizieller Jugendräte, die jungen Menschen eine umfassendere Beteiligung an der Entscheidungsfin - dung in ihren Kommunen ermöglichen.

Jugendliche sind im Leben mit verschiedenen Heraus - forderungen konfrontiert, je nachdem wo sie leben und aufwachsen. Trotzdem scheinen Rassenungleich- heit, Klimawandel und Diversität die wichtigsten Fragen zu sein, die junge Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks bewegen. Warum ist es so wertvoll, wenn junge Menschen einen Blick auf das zivil- gesellschaftliche Leben und Engagement außerhalb ihres eigenen Landes werfen? Jede Gemeinschaft für sich mag vor ihren eigenen Her- ausforderungen stehen, aber Fragen wie der Klimawan- del und Diversität, Gleichheit und Inklusion haben eine viel größere Dimension. Zu lernen, wie verschiedene Orte und Länder versuchen, diesen Problemen zu begeg- nen (oder auch nicht), zu verstehen, was die wichtigsten Herausforderungen sind, und zu sehen, welche Ähn- lichkeiten zwischen unseren Gesellschaften bestehen – dadurch können junge Menschen voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen. Solche Begegnungen fördern auch das gegenseitige Verständnis, dass die Aus- einandersetzung mit diesen Fragen nicht nur eine ameri- kanische oder deutsche Herausforderung ist, sondern et- was, wofür wir alle verantwortlich sind, egal wo wir leben. Begriffe wie Rassismus, Diversität und Inklusion werden im deutschen und amerikanischen Kontext oft anders aufgefasst und verwendet, und die Dis- kussion dieser Begriffe kann schwierig sein. Wurde das im Jugendforum offensichtlich, und wie ist es Teil - nehmenden gelungen, für offene Gespräche zu diesen Themen einen sicheren Raum zu schaffen? Da Worte unterschiedlich verwendet werden, haben wir ein Glossar von Begriffen zu Diversität, Gleichheit und Inklusion geteilt, in dem Worte aufgeführt waren, die sowohl im amerikanischen als auch im deutschen Kon- text verwendet werden. Das hat Teilnehmende bei der Kommunikation unterstützt, weil sie die Bedeutung die- ser Begriffe besser verstanden haben. Während unserer Gespräche wollten wir, dass sich alle in einem sicheren

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Deutsch-US-Amerikanischer Jugendaustausch – USA-Special 2022

Das Jugendforum der Städtepartnerschaften hat online stattgefunden. Welche Chancen bieten virtuel- le Begegnungen wie diese? Vor diesem Projekt hatte keine der Jugendorganisatio- nen in den Partnerstädten miteinander Kontakt gehabt. Die virtuelle Begegnung war eine tolle Art, um Gesprä- che zwischen den Jugendlichen in beiden Ländern auf- zunehmen, um Beziehungen zu schaffen und ein gegen - seitiges Verständnis der Themen aufzubauen, mit denen junge Menschen in ihren Kommunen konfrontiert sind. Im Idealfall hoffen wir, dass die virtuelle Begegnung ein Fundament schafft, auf dem die Jugendorganisationen in den Partnerstädten nachhaltige, langfristige Beziehun- gen für den weiteren Austausch und einen künftigen Dia- log zu diesen (und anderen) Themen aufbauen können. Außerdem dient sie als Grundlage für persönliche Begeg- nungen in den beiden Ländern, sobald wir die Covid-19- Pandemie überwunden haben. Eines der Projektziele war es, das Engagement Jugendlicher vor Ort zu fördern. Man könnte argu- mentieren, dass dies auch anders als mit trans- atlantischen Begegnungen erreicht werden kann. Was macht internationale Begegnungen für alle Beteiligten zu einer so einzigartigen zivilgesellschaft- lichen Lernmöglichkeit? Als jemand, der persönlich an Austauschprogrammen mit Deutschland teilgenommen hat, sind diese Initiativen für mich extrem wertvoll, weil man gezwungenermaßen aus dem täglichen Leben heraustritt, das man für normal hält, und sich aus einer anderen Perspektive mit Themen auseinandersetzt. Sowohl Ähnlichkeiten als auch Unter- schiede können ein größeres Verständnis fördern oder dabei helfen, bewährte Praktiken herauszuarbeiten. Diese wiederum können zu besseren Ideen und Politi- ken führen, die die lokale Lebensqualität verbessern. Insgesamt erweitern Begegnungen den Horizont von Menschen und machen sie offener für verschiedene Per - spektiven auf anstehende Themen, wenn man gleichzei- tig versucht, ähnlichen Herausforderungen zu begegnen oder gemeinsame Chancen zu nutzen. Wenn wir transatlantische Begegnungen aus der kommunalen Perspektive betrachten, können sie schwierig und überwältigend aussehen, vor allem, wenn man sie von Grund auf aufbauen muss. Sie haben das Jugendforum der deutsch-amerikanischen Städtepartnerschaften mit initiiert. Können Sie

Kommunen einen Rat geben, die einen deutsch- amerikanischen Jugendaustausch auf die Beine stellen möchten?

Ich würde empfehlen, klein anzufangen und die Vorteile virtueller Begegnungen zu nutzen, um so den Grundstein für eine Beziehung zu legen, ehe man in einem nächsten Schritt größere, persönliche Begegnungen organisiert, deren Durchführung mehr Planung und Finanzen erfor- dert. Um Austauschpartner im anderen Land zu finden, gibt es zwischen amerikanischen und deutschen Städten 100 Partnerschaften, die als eine hervorragende Basis dienen können. Aus meiner persönlichen Erfahrung hat jede der Jugendorganisationen, die wir für dieses Projekt angesprochen haben, zu erkennen gegeben, dass diese Art von Begegnung äußerst interessant wäre und schon auf der To-Do-Liste stünde. Es brauchte nur eine Per- son, die das Telefon in die Hand nahm oder eine E-Mail schickte, um die Idee vorzuschlagen. Selbstverständlich bin ich sehr gern bereit, weitere Informationen zu teilen – Anruf genügt!

Wünschen Sie sich was: Was möchten Sie bei künf- tigen deutsch-amerikanischen Jugendbegegnungen gerne sehen?

→ Die Wahlen in den USA wie auch in Deutschland haben kürzlich gezeigt, dass die kommende Generation enga- giert und motiviert ist, den ernsten Problemen, mit denen wir lokal und global konfrontiert sind, aktiv zu begegnen. Ich wünsche mir, dass unsere jeweiligen Regierungen Begegnungsmöglichkeiten für junge Menschen fördern, indem sie größere Ressourcen und Finanzmittel investie- ren, so dass Jugendliche zusammenkommen, Ideen aus- tauschen und voneinander lernen können. Jede der 100 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und den USA sollte Jugendbegegnungen und die dafür benötigte Infrastruktur beinhalten. Unsere Regierungen reden von besserer transatlantischer Kooperation, und wie eine der Teilnehmenden an unserer Begegnung gemeint hat: „Lebe die Veränderung, die du willst.“ Robert Fenstermacher ist Chief Content Officer beim American Coun- cil on Germany in New York. Nach vielfachen Erfahrungen in Deutsch- land, beginnend mit einem Schulaustausch in West-Berlin 1987, blickt er auf eine 30-jährige Laufbahn im Bereich deutsch- amerikanischer Austauschprogramme zurück.

Web: acgusa.org

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